Da sind wir nun. Blick nach hinten, sehnsüchtig nach dem, was mal war. Kollektive Wehmut. Unfähig, den Blick nach vorne zu richten, das Neue zu akzeptieren, die Zukunft und deren Möglichkeiten zu umarmen. Fehlender Wille zur Gestaltung von Veränderung, der Schmerz des Verlusts der Sicherheit in gewohnten Strukturen und Ritualen scheint zu groß. Das Rad der Zeit dreht sich weiter, vergangene und längst vergessene Geister kommen wieder. Sehenden Auges fahren wir in Richtung dem, was uns trennt und Leid erzeugt. Nennen es alternativlos, „Realpolitik“. Wagen nicht, über den Tellerrand zu blicken. Suhlen uns in Selbstgefälligkeit und dem Leiden, das wir uns nicht eingestehen wollen…
Mir geht der 28. August diesen Jahres nicht aus dem Kopf. An diesem Tag machte in Düren die „Tour de Verkehrswende“ halt, um für eine echte und nachhaltige Wende in er Mobilität zu demonstrieren. Ich stand an diesem Tag auf dem Dürener Marktplatz, war gespannt, wie sich Bürgermeister und Politiker (ja, maskulin) der einzelnen Parteien äußern und positionieren würden. Ich hatte damit gerechnet, dass die Meinungen darüber, wie wir zukünftig mobil sein wollen, weit auseinandergehen. Unerwartet kam für mich allerdings die Art und Weise, wie gerade der Vertreter der CDU auf die Fragen und Ideen einer Teilnehmerin der Tour reagierte: Die junge Frau wies, eingebettet in eine persönliche Erzählung, auf die Problematik einer verschleppten Mobilitätswende hin. Sie zeichnete mit ihren Worten eine für sie wünschenswerte Zukunft. Mein Endruck war, dass sie versuchte Verbindung zu den Vertretern der Politik aufzubauen und Verständnis und Empathie herzustellen. Sie zeigte sich verletzlich.
Die Reaktion des CDU-Mannes war für mich gleichermaßen erwartbar wie erschreckend: Er erhob die Stimme und bezeichnete Ihre Aussagen in einer sehr jovialen Art und Weise als „naiv“. Nutzte die Offenheit und Verletzlichkeit der Teilnehmerin als Mittel zur Abwertung ihrer Forderungen. Die Zukunft werde halt „immer schneller“ und daran müsse man sich anpassen. Credo: Das Fahrrad hat in der Stadt keinen Platz mehr, dem Motor der Wirtschaft hat sich nunmal alles unterzuordnen. Wir verwalten lieber als zu gestalten. „Realpolitik“ der CDU.
Warum ich davon schreibe? Zum einen, weil die Bereitschaft für das Einstehen in sozialen und gesellschaftlichen Wandel schwieriger wird und ich das für sehr problematisch halte. Die Menschen, die sich für Wandel einsetzen, werden müde. Zu viele Jahre wurden die Stimmen der Demonstrierenden ignoriert. Wenn sie dann doch gehört wurden, dann wurden sie mit Absichtserklärungen, Planungen oder Versprechungen abgespeist. Das quasi-religiöse Festhalten an wirtschaftlichen, kapitalistischen Notwendigkeiten blendet reale und wissenschaftlich haltbare Erkenntnisse aus. Schlimmer noch: bekämpft sie.
Die zunehmende Ernüchterung über ausbleibenden Fortschritt auf verschiedenen Ebenen betrifft sicher nicht nur den ADFC. Fridays for future, Demos gegen Rechts und andere: Überall gehen weniger Menschen auf die Straße und stehen gemeinsam für Veränderung ein. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Teilnahme an einer Fridays-Demo: wir waren zehntausende. Gleiches Anfang 2024 in Köln gegen rechte Ideologie: zenhtausende. Lützerath: zehntausende. Und heute? FFF füllt in Köln nichtmal mehr den Heumarkt. In Düren sind es zur Critical Mass oft weniger als 15 Teilnehmer.
Der zweite Punkt, und hier sehe ich die Ursache der ganzen Problematik, sind männlich geprägte Strukturen. Dabei geht es weniger um das biologische Geschlecht, als vielmehr um die Bedingungen, unter denen wir aufwachsen und deren Werte, Rollenbilder und Narrative wir schon in unserer frühen Kindheit übernehmen. Durch Erziehung und Beobachtung. Bei unseren Eltern, Peers, in Schulen und im weiteren Verlauf unseres Lebens in Beziehungen, Organisationen, Verwaltungen, Politik. Eigentlich im gesamten gesellschaftlichen Leben. Ohne einen Abriss über das Thema „Patriarchat“ schreiben zu wollen, möchte ich trotzdem einzelne mir wichtige Punkte des Themas skizzieren. Zunächst:
„I can say for certain that we are hardwired for connection – emotionally, physically, and spiritually.“
schreibt Brené Brown in Ihrem Buch „Daring Greatly“. Und weiter:
„Connection is the energy that is created between people when they feel seen, heard, and valued; when they can give and receive without judgment.“
Eine Sichtweise, die mich aktuell tief bewegt und prägt. Das Gefühl gesehen und gehört zu werden, Wertschätzung zu erfahren und zu zeigen. Zu Geben und zu Nehmen ohne Wertung. Sprich: Den Mensch und dessen „Sein“ im Fokus haben. Zentrale Bedürfnisse des Menschen.
Was heißt das nun in unserem Kontext? Vielleicht ahnt man es schon: Die Auseinandersetzung zwischen der Aktivistin und dem Politiker ist vieles, aber eben nicht „Verbindung“. Das „Abkanzeln“ seitens des Vertreters der CDU ist der (verzweifelte?) Versuch, die Diskussion zu kontrollieren und vor Allem: zu dominieren. Und hier sind wir bei dem, was ich mit „männlich geprägt“ versuche zu beschreiben: Männlich sozialisierte Wesen neigen dazu, Verbindung mit Dominanz und Kontrolle zu verwechseln (die großartige Bell Hooks hat u. A. zu diesem Thema ein ganzes Buch gewidmet). Und so bau(t)en wir auch die Strukturen um uns herum. Ein Blick in die Politik reicht vollkommen: Demonstrative Härte und Stärke, gestützt durch hierarchische Strukturen, durch die Machtverhältnisse legitimiert und zementiert werden, bestimmen den Alltag. Sie dienen nicht der Verbindung, sondern der Kontrolle. Schützen nicht die Interessen derer, die verwaltet werden, sondern dienen zuallererst den Menschen, die die Macht innehalten. Als Mittel des Machterhalts dienen z. B. Beschämung, Schuld, Bloßstellung. Das Gegenteil von Verbindung. Menschen sollen und müssen in dieser Logik „kontrolliert“ werden.
Was bedeutet das nun, hätte man die Diskussion auf dem Marktplatz anders führen können? Ich denke ja. Der Vertreter der CDU hätte auf die Bedürfnisse und Vorstellungen empathisch eingehen können. Die gezeigte Verletzlichkeit erwidern, statt als Angriffsziel zu benutzen. „Ich sehe, dass wir ein Problem haben. Ich verstehe ihr Anliegen und halte ihre Sichtweise und Forderungen für konstruktiv und legitim“. Er kann dann trotzdem bei seiner Meinung bleiben, vermittelt aber: Ich sehe dich. Ich höre dir zu. Deine Ansichten sind mir nicht egal. Lädt vielleicht zu weiteren Gesprächen ein, vermittelt transparent, wie und weshalb er zu seiner Position steht. Ein Konstruktiver Austausch auf Augenhöhe.
Für diesen Austausch braucht es Offenheit und Transparenz, die ohne Vertrauen nicht gedeihen können. Und den Mut zur Verletzlichkeit, den die Teilnehmerin der Demo bewiesen hat. Das Zeichnen von wünschenswerten Zukünften, das Teilen von Geschichten, die uns inspirieren.
Nochmal Brené Brown:
Vulnerability is not knowing victory or defeat, it`s understaning the necessity of both; it`s engaging. It`s being all in.
Emotionale Reife heißt eben auch, sich seiner eigenen Verletzlichkeit bewusst zu sein. Sich als Mensch mit eigenen Bedürfnissen, Werten und Sehnsüchten zu zeigen, ohne zu wissen, was darauf folgt. Und ja: Ich bin der festen Überzeugung, das viele weiblich sozialisierte Wesen dies deutlich besser beherrschen als ihre männlichen geprägten Counterparts. Hier haben wir als Männer deutlich Nachholbedarf.
P. S.: Ich schreibe hier kurz und knapp meine Meinung nieder und vermische viele Bereiche. Die Themen Männlichkeit, Verletzlichkeit, Verbindung, Wandel, etc. sind extrem vielschichtig und komplex und können unmöglich umfassend in einem Blogbeitrag abgehandelt werden. Auch ich stehe hier am Beginn einer Reise, die mir bisher schon die eine oder andere „Welt“ geöffnet hat. Wen diese Themen interessieren, für die oder den habe ich ein kleines Literaturverzeichnis ans Ende dieses Artikels gestellt. In diesen Büchern schreiben Menschen, die sich bereits seit vielen Jahren und aus unterschiedlichsten Perspektiven mit diesen Themen beschäftigen. Viel Spaß beim Stöbern!
P. S. S.: Eine sehr eindrückliche Erfahrung war für mich eine Fortbildung meines damaligen Arbeitgebers zum Thema „toxische Männlichkeit“. Von über 1300 Mitarbeitenden nahmen aber leider nur 3 männlich gelesene Personen teil. Dies zeigt für mich eindrücklich sowohl das mangelnde Interesse von Männern an der Auseinandersetzung mit eigenen Mustern, als auch den massiven Nachholbedarf, gerade in männlichen geprägten Kreisen. Bei Interesse sei auf das „Institut für kritische Männerforschung“ verwiesen, auf Instagram aktiv ist der Dozent Christoph May.
Literatur:
Brown, Brené: Daring greatly. ISBN: 978-0241257401. Auch auf Deutsch erhältlich. Themen: Verletzlichkeit, Scham, Schuld, Verbindung, Zugehörigkeit und deren Abwehrmechanismen. Führung in Familien und Organisationen
Chambers, Becky: A psalm for the wild built. ISBN 978-1250326210. Roman. Spielt in einer Welt, die den unvermeidlichen Wandel durchlebt hat, hin zu einer optimistischen Zukunft
Chambers, Becky: A prayer for the crown shy. ISBN 978-1250236234. Forsetzung.
Fallwickl, Mareike: Die Wut, die bleibt. ISBN: 978-3499009129. Roman. Aus weiblicher Sicht zu Gesellschaft und Care-Arbeit. Mein Einstieg ins Thema.
Fromm, Erich: Die Kunst des Liebens. ISBN: 978-3717540328. Sichtweisen eines der wohl bekanntesten Psychoanalyktikern
Hooks, Bell: The will to change. Men, masculinity and Love. ISBN: 978-1668095980. Auch auf Deutsch erhältlich. Hooks beschreibt nicht zuletzt die vielfach zu beobachtende typisch männliche Abspaltung von Emotionen und die damit einhergehende fehlende emotionale Erreichbarkeit.
Hooks, Bell: all about love. ISBN: 978-0060959470.
Stöcker, Christian. Männer, die die Welt verbrennen. ISBN: 978-3550202827. Über Hintergründe innerhalb männlich dominierter, fossiler Systeme
Urner, Maren: Radikal emotional. ISBN: 978-3426447765. Themen emotionale Reife und die Einsicht, dass sich Emotionen nicht von Rationalität und Politik trennen lassen
Wiedemann, Carolin: Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats. ISBN: 978-3957579492
