Worauf warten wir eigentlich?

Ratlosigkeit. Die Auszählung ist gelaufen, die meisten Wahllokale sind mit der Auszählung der Stimmen fertig. Jetzt ist Zeit, den Tag zu reflektieren. Die ersten Ergebnisse trudeln über die Seiten des Kreises Düren und der Gemeinde Hürtgenwald ein. Die AfD eilt zu neuen Höchstständen, selbst bei Kommunalwahlen in NRW. Ich bin mehr als ratlos, mittlerweile macht sich eine diffuse Angst breit. Wohin führt das? Was mache ich, machen wir jetzt? Rückzug? Achselzucken? Pessimismus? Keine Option, da zu passiv. Denn unter der Verunsicherung lebt ein anderes Gefühl, das aktiviert: Wut. Und die will gerichtet und kultiviert werden (dazu später mehr)…

Ich habe die Kopfhörer auf. Es läuft „Eye in the sky“ im Extended Club Mix auf Dauerschleife. In diesem Moment, als ich beginne zu schreiben, kurz vor 22 Uhr einfach perfekt. Ich sitze am Notebook. Ein Lenovo X230, Baujahr 2013. Die Garantie ist längst abgelaufen, der CPU-Lüfter macht Geräusche, die Tastatur glänzt. Windows 10, Microsoft hat den Support aufgekündigt. Windows 11 wird natürlich nicht unterstützt. Eine Unverschämtheit, schließlich erledigt das Gerät seinen Dienst vortrefflich. So what? WiFi 6 nachgerüstet, SSD eingebaut. Bald kommt Linux drauf. Ciao Weltkonzern, ohne mich. Denn: Eigentlich will ich nichts Neues. Erinnerungen, die andere vielleicht an ihr Auto haben, verbinde ich mit meinem Laptop. Hier habe ich meine Bachelor-Thesis in Psychologie geschrieben, das Teil war über 7 Monate mit auf Weltreise. Ein treuer Begleiter…

Die wuchtigen HiFi-Boxen im Wohnzimmer: Die hat mein Vater Jahre vor meiner Geburt gebaut, ich habe sie mit meinem Sohn zusammen restauriert. Ein Familienprojekt. Kein Konzern hat seit den 70ern mehr etwas daran verdient. Backofen reparieren, Fahrrad instandhalten und intensiv nutzen…meine Form des Widerstands in einer Gesellschaft die verlernt hat, die Bedürfnisse der Menschen im Fokus zu behalten.

Warum ich das schreibe? Weil die Nutzung von Gegenständen über ihre gedachte Lebensdauer hinaus meine persönliche Form der Reaktanz ist, dieser kindlich wütende Trotz, der aufkommt, wenn man versucht mir vorzuschreiben, wie ich zu sein oder zu leben habe. Was und wie ich zu konsumieren habe. Ich traf vor vielen Jahren einen Menschen in einer IT-Abteilung, der sich strikt weigerte seine Uhr auf Sommerzeit umzustellen. Er empfand das als Bevormundung. Echauffierte sich regelrecht. Ja und? Geschadet hat die Person niemandem. Und hier ist der zentrale Unterschied zwischen Wut und offener, unkontrollierter Aggression: Wut kann ich, wenn ich das Gefühl beobachte, es spüre, mich reflektiere, konstruktiv nutzen. Ohne meinem Gegenüber und Anderen zu schaden. Im Gegenteil: Ich kann Wut als Motor, als Antrieb nutzen. Zu notwendiger Veränderung, um mich mit meinen Werten in Einklang zu bringen. „Die Wut die bleibt“ ist der Titel eines Buches von Mareike Fallwickl. Tief beeindruckt las ich aus einer Welt, die ich so nicht kannte, aber früher hätte kennen sollen. Ein Buch, das mich, gerade auch in meiner Auseinandersetzung mit dem Gefühl der Wut, verändert hat.

Ich bin ratlos und wütend auf ein System, dass Erwirtschaftung von Gewinnen als Selbstzweck und oberstes Ziel eines jeden Individuums proklamiert, dass sich in dieser Logik als erfolgreich beschreiben darf. Wachstum über Erhalt, Konkurrenz über Empathie und Mitgefühl. Dominanz über Verbundenheit. „Erfolg“ als Legitimation für Herrschaft.

Wir sind Hierarchien gewohnt, autoritäres Verhalten sehen wir allenfalls innerhalb von Familien, im Privaten, als Problem. Wer in Politik und Wirtschaft laut, dominant und selbstsicher seine Position vertritt, wird gehört, oft mit Macht belohnt. „Endlich sagts mal Einer!“ hört man Manche sagen. Hat man erstmal die Aufmerksamkeit und oftmals auch die Achtung einer breiten Schicht, können (irrationale) Ängste bedient werden. Angst führt dabei nicht selten zu Hass. Hass als eskalierte Form von Angst (Maren Urner).

Autorität und Dominanz beschränkt auf die Nutzung evolutionär niederer Strukturen. Dafür braucht es keinen Neokortex, das können auch Tiere. Unser Vorteil liegt in der Fähigkeit zur Zusammenarbeit, zur Empathie Selbstreflexion, wir können Zukünfte antizipieren und uns Ziele setzen. Wir dürfen uns, wenn wir wollen, auf Augenhöhe begegnen. Die Bedürfnisse des anderen anerkennen, gemeinsam nach Lösungen suchen. Hilfe leisten, unterstützen, trösten. Sehen und gesehen werden. Gegenseitigkeit eben, Demokratie im Kleinen. Was wären wir doch für eine Gemeinschaft, wenn sich jedes Mitglied so zeigen dürfte, wie es ist. Ohne Angst vor Abwertung, Beschämung oder gut gemeinter Ratschläge. Wenn wir unangepasst wären, divers und pluralistisch. Und es wäre gut so.

Aber dann gibt es da die AfD, ein rechtsextremer Haufen, der viele von uns verführt. Unsere Ängste bedient und missbraucht. Für den Vorteil weniger, gegen all das, was eine demokratische Gesellschaft und pluralistische Gemeinschaft ausmacht. Ich möchte fluchen, brauche ein Ventil. Wir erinnern uns: Wut will gerichtet sein. Auf Demos gegen Rechtsextremismus geht das vorzüglich. Horn, Trillerpfeife und alles, was Krach macht. Widerstand in Gemeinschaft tut doppelt gut.

Warum schweigen so viele? Ich verstehe es manchmal wirklich nicht. Gerade Eltern und Großeltern sollten zu Tausenden jede Woche auf der Straße sein. Ist das Resignation? Überforderung? Gleichgültigkeit? Unwissenheit, was passieren könnte bzw. wird? Oder doch Ignoranz? Wie sollen Eure Kinder und Enkel denn in Freiheit aufwachsen? Vielleicht ist es mangelnde Vorstellungskraft: Was nicht ist aber sein könnte im Positiven (Utopie) oder Negativen (Dystopie). Wofür also? Wogegen denn? Pessimismus und Optimismus sind unangebracht, lassen sie uns doch in Passivität verharren und Verantwortung nicht wahrnehmen. Also hilft nur Handeln. Handeln im Wissen, das es schlimm kommen könnte, aber mit der Hoffnung, dass eine lebenswerte Zukunft möglich ist. Und einer Bereitschaft, im Zweifel Verantwortung zu übernehmen. Für sich und andere.

Und ja: Die Probleme wären nicht aus der Welt, wenn es keine AfD mehr gäbe. Es würde weiter brodeln. Aber ein Verbot wäre ein Zeichen, dass gemeinschaftliches Handeln in einer funktionalen Gesellschaft möglich ist. Es würde neue Wege des Handelns und Diskutierens ermöglichen, die Suche nach neuen und besseren Wegen bahnen. Es wäre ein Anfang.  Man könnte wieder die dringenden und nicht nur die gefühlten Probleme in den Fokus rücken. Klimakatastrophe, Demografie, Vermögensverteilung bzw. -ungleichheit, Rechtsextremismus und Faschismus. Dafür fehlt es im Moment an Willen, zu leicht lässt man sich vom rechten Rand die Themen diktieren. Wir könnten Narrative entwickeln, wie wir leben wollen. Was möglich ist, wünschenswert. Auch für nachfolgende Generationen. Und dafür braucht es, wie ich glaube, die Kunst: Literatur, Theater, Filme.  Eine Kunst, die Fiktionen von Realitäten, Gesellschaften, Welten entwirft. Ohne eine Vorstellung, was sein könnte, kann man sich auch nur schwer eine Zukunft außerhalb der bekannten Logiken vorstellen und verharrt „inside the box“.

Meine Vorstellung von einer Zukunft ist eine Welt in Verbundenheit. Einer Welt, die nicht auf Konkurrenz, Dominanz, Hierarchien und Machtstrukturen aufgebaut ist. Ja, eine Utopie, aber nicht naiv. Naiv ist der Glaube, es könne so weiter gehen, Wirtschaftswachstum wäre unendlich, oder es gäbe ein Zurück in eine idealisierte Vergangenheit. Die Hoffnung auf eine erstrebenswerte Zukunft gibt mir die Kraft, die ich brauche, um nicht an der realen Welt zu verzweifeln. Vor Jahren begann ich, Erzählungen aus dem Genre des Solarpunk und Hopepunk zu lesen. Science Fiction, aber im Gegensatz zu den Dystopien, die ich bis dahin las, in Welten, die ein optimistisches Bild zeichnen, worin Empathie gefeiert wird. Die Autorin Becky Chambers ist untrennbar mit dem Genre verbunden. Grandios ihre Geschichten und die darin beschriebenen Welten. Voller Hoffnung und Verbundenheit.

Eine der bekanntesten Reihen von utopischer Science Fiction ist sicher die Welt von Star Trek. Gene Roddenberry hat diese Welt aus einer humanistischen Weltsicht geschaffen, eingebettet in zeitlose Erzählungen, die jeweils abgeschlossen in einzelne Folgen alltagsnahe Themen, Probleme und Dilemmata von Gemeinschaften, Gesellschaften, Politik und zwischenmenschlichen Beziehungen behandeln. Jean-Luc Picard, Benjamin Sisko, Katherine Janeway, Jonathan Archer, Michael Burnham und Christopher Pike dürften bis heute Millionen in der Entwicklung ihres moralischen Kompasses unterstützt und begleitet haben. Lässt man sich darauf ein, lernt man viel. Die Psychologin und Publizistin Marina Weisband schrieb unlängst auf Mastodon:

Ich könnte Nachrichten schauen oder ich könnte DS9 schauen [DS9, Deep Space 9, Star Trek Serie, Anm. d. Verf.]. Habe beschlossen, dass ich aus DS9 mehr lerne

Für mich (und vielleicht nur für mich) schließt sich hier der Kreis: Unsere Welt, die abdriftet ins autoritäre. In Härte, gegen sich selbst und andere. So eine Welt ist für mich nicht erstrebenswert. Ich möchte dem etwas entgegenhalten, mit Protest. Mit Widerstand (und dafür braucht es Wut). Aber auch mit Empathie und Mitgefühl, Verbundenheit, Wertschätzung und Toleranz. Vorstellungskraft. Erst im Kleinen, aber immer sichtbar. Ich möchte und werde mich nicht verstecken. Meine Haltungen sind klar: Unsere Systeme auf Basis von Konkurrenz und Wettbewerb laufen zu lassen, ist auf Dauer fahrlässig. Steile Hierarchien und autoritären Strukturen untergraben die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Einer der einflussreichsten Psychologen des 20. Jahrhunderts, Stanley Milgram, schrieb hierzu bereits 1974:

The disappearance of a sense of responsibility is the most far-reaching consequence of submission to authority. [Das Verschwinden eines Verantwortungsgefühls ist die weitreichendste Konsequenz der Unterwerfung unter Autorität, Anm. d. Verf.]

In der AfD sammeln sich rechtsextreme und autoritär denkende Menschen. Aus unzähligen Äußerungen, die Mitglieder der Partei getätigt haben, ziehe ich diesen Rückschluss. Wer diese Partei wählt oder der Meinung ist, man könne konstruktiv mit der Partei zusammenarbeiten, unterschätzt entweder massiv die Gefahr und/oder unterstützt deren Ziele. Zum Leid aller, denn: Ist der demokratische Konsens auf Basis des Grundgesetzes erst einmal außer Kraft, geht es nur sehr schwer bis gar nicht wieder zurück. Die Konsequenzen werden auch und gerade unsere Nachfahren tragen müssen.

Lasst uns gemeinsam nach ein „Wofür“ suchen. Wofür stehe ich? Dagegen zu sein ist einfach. Die Herausforderung entsteht in der Suche nach Neuem und in der Antizipation von Zukunft. Frage Dich, was Du willst. Und warum. Nach welchen Mustern handelst Du? Was treibt Dich an? Was hindert Dich, aktiv zu werden? Letztlich geht es um Verantwortung. Zunächst und vor Allem für das Selbst. Die innere Haltung, Deinen Wert. Das eigene Handeln. Und die daraus resultierenden Konsequenzen.

Worauf warten wir also?