Wer sind wir, wer bin ich? Was zeichnet mich aus? Was zeige ich davon und was nicht? Was halte ich zurück und warum? Was bringt mich dazu, Dinge preiszugeben, zu zeigen, zu mir und meinen Meinungen, Wünschen, Interessen und vor Allem: meinen Werten und Bedürfnissen zu stehen? In der Konsequenz damit auch für mich einzutreten und mich nicht hinter einer Fassade zu verstecken? Fragen, die wir uns meiner Meinung nach öfter stellen sollten, ergeben sich daraus doch Konsequenzen wie wir Gemeinschaft, Freundschaften, Beziehungen, berufliche Kontexte und vieles mehr leben. Für mich sind diese Fragen eng mit dem Begriff der Wertschätzung und dem Gefühl der Scham verbunden.
Ich durfte diesen Mittwoch im Rahmen des Studiums einmal mehr die Erfahrung machen, was es heißt, in einem wertschätzenden, respektvollen Umfeld zu sein. Lernen, was es heißt, wirklich zuzuhören, echtes Interesse für Geschichten und Erzählungen des Gegenüber zu entwickeln. Wie es sich anfühlt, wenn einem mit Ausdauer und Fokus zugehört wird. Wie etwas „weich“ wird, wenn ich gesehen werde und mit Mitgefühl anderen zuhöre, wie ich mich öffne und Gefühle der Zugehörigkeit und Verbindung empfinde. Der Austausch, der mir zeigt, Teil eines Ganzen, einer Gemeinschaft zu sein. Einfach zu sein. Als fühlendes Individuum.
Erfahrungen, wie sie nicht selbstverständlich sind. Leider. (Ab-)wertung, Geringschätzung und Desinteresse sind nicht selten an der Tagesordnung. Vielleicht hat man in Gesprächen, bei der Arbeit oder in der Familie das Gefühl, nicht wirklich wahrgenommen und gesehen zu werden. Damit einhergehend Gefühle der Ablehnung und Enttäuschung, Wut, Trauer und Einsamkeit. Desinteresse und Rückzug können die Folge sein, aber auch Aggression und Arroganz. Man zeigt sich nicht mehr. Das Gefühl der Scham.
Scham
Das schmerzhafte Gefühl, falsch zu sein. Nicht was ich tue ist falsch: das wäre Schuld. Scham kann in manchen Fällen bedeuten: Ich fühle mich fehlerhaft, falsch, nicht liebenswert. Ich ziehe mich zurück, zeige mich nicht. Werde leise. Spreche nicht. Nicht, weil ich kein Interesse habe, sondern weil ich vielleicht weitere Ablehnung fürchte. Um die Scham nicht spüren zu müssen zeigen Menschen laut dem Sozialwissenschaftler Stephan Marks ein buntes Potpourri aus Abwehrstrategien: Arroganz, Perfektionismus, Aggression, Rückzug, etc.
Sozialpsychologisch zeigt sich eine weitere fatale und Folge von Scham: Das Abwälzen des Gefühls durch Beschämung und Abwertung auf Minderheiten und marginalisierte Gruppen, MitschülerInnen (meist Opfer von Mobbing) und Aussenseiter. Marks bezeichnet diese als „Schamböcke“. Auch hier dient das Verhalten der Abwehr der eigenen Scham und dem Ziel, den eigenen Selbstwert auf Kosten Dritter zu erhöhen.
Wertschätzung
Wertschätzung ist für mich das Gegenmittel gegen die Scham. Wirkt gegen die Angst, sich zu zeigen, in sozialen Kontexten sichtbar zu werden. Wertschätzung bedeutet, dass ich mein Gegenüber als ganzes Individuum wahrnehme, versuche die Person in positivem Licht zu sehen und Gemeinsamkeiten wahrzunehmen, ihr mit Respekt und Anerkennung zu begegnen. In diesem Sinne ist es auch eine mitfühlende Haltung anderen Menschen gegenüber.
Wird mir mit Wertschätzung begegnet, öffne ich mich. Die Hemmungen, meine Meinungen, Interessen und vor Allem Werte und Bedürfnisse zu äußern, fallen. Ich zeige mich eher mit meinen Fehlern und Schwächen. Meiner Persönlichkeit, meinen Erfahrungen und Prägungen, meinen Sichtweisen. Wirke damit im Umkehrschluss auf mein Gegenüber oft nahbarer, menschlicher. Echter und tiefer gegenseitiger Austausch wird erleichtert, Differenzen werden schnell kleiner, wenn die Gesprächspartner bereit sind, über ihre Bedürfnisse zu sprechen. Gemeinsamkeiten werden sichtbar. Scham schwindet.
Deshalb das Schwein mit dem bunten Ohr als Titelbild. Wir alle haben Dinge an und in uns, die wir nicht gerne zeigen, für die wir uns vielleicht sogar schämen. Das bunte Ohr, was wir so oft „unter einer Mütze“ verstecken. Die Dinge, die uns einzigartig machen, unverwechselbar. Wunderschön und gleichzeitig verletzlich. Menschlich. Der Kontext und das soziale Umfeld entscheiden mit, in wie weit wir zu uns stehen und uns öffnen, uns zeigen und für uns einstehen wollen und können.

Beispiel
In meiner Geschichte ist ein Adjektiv sehr negativ konnotiert: Häufig wurden meine Aussagen in der Kindheit, aber auch als Erwachsener im privaten wie im beruflichen Kontext als „naiv“ abgewertet, anstatt meine Vorstellungen und Denkweisen als Bereicherung zu betrachten, als zwar abstrakten aber kreativen neuen Weg. In der Konsequenz habe ich es häufig vermeiden, meine Meinungen und Vorstellungen offen auszusprechen, aus Angst vor weiterer Ablehnung. Scham hinderte mich daran, der Kopf war oft leer. Im Laufe der Jahre lernte ich einen Umgang hiermit und kann die Bewertung heute als das nehmen, was sie oft einfach nur ist: Ein billiger Versuch, den eigenen Selbstwert auf Kosten des Gegenüber zu steigern. Manchmal auch das Unvermögen, über Themen in einer gewissen Tiefe sprechen zu können oder zu wollen. Das Gesagte sagt oft mehr über den Sender aus, als über den Empfänger.
Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, die Bedeutung des Wortes umzudeuten: Hin zu Unvoreingenommeheit. Zu Offenheit und Neugier, heute Teil meiner Kernwerte. Ich stellte fest, dass es sehr wohl Umgebungen gibt, in der meine Art zu denken sehr geschätzt, ja sogar gefragt ist. In der Arbeit mit Menschen beispielsweise, wo es oft auf unkonventionelle, kreative Lösungen ankommt.
Und jetzt?
Ich möchte mit diesem Beitrag dafür werben, die Art und Weise, wir wir mit unseren Mitmenschen umgehen, zu überdenken. Das betrifft den privaten Bereich, aber auch das gesamtgesellschaftliche Umfeld: Wertungen sind an der Tagesordnung, bis in die höchsten Ebenen der Politik. Aussagen über Geflüchtete, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen, die vermeintlich nicht leistungsfähig genug sind, Leistungsbezieher jeglicher Couleur. Ich könnte diese Liste fortsetzen. Es ist kein guter Stil, Politik nur mit Druck zu machen, den Wert des Menschen an dessen Leistungsfähigkeit zu bemessen. Das ist pure Beschämung von gesellschaftlichen Gruppen und führt in der Konsequenz zu Rückzug, weniger Bereitschaft zur Beteiligung an gesamtgesellschaftlichen Zielen. Diese Menschen wird man verlieren, eine gemeinsame Wertebasis wird so nicht zu halten geschweige denn zu erreichen sein.
Der Gegenentwurf könnte eine wertschätzende Kommunikation sein. Anerkennen, dass wir alle Individuen sind. Wertvoll, unabhängig von Leistungsfähigkeit. Nicht nur an unserer kapitalistischen Verwertbarkeit gemessen werden. Räume schaffen, in denen Vielfalt und Diversität und nicht Anpassung und Konformität als Werte gesehen werden. Wir wieder lernen, das Sichtbarkeit und Andersartigkeit nicht bedrohlich, sondern eine Bereicherung sein können und wir damit einhergehend kreative und einzigartige Lösungen für gesellschaftliche und politische Probleme unserer Zeit finden dürfen und sollten.
In den Bereichen, die wir direkt beeinflussen können, unsere privaten und beruflichen Beziehungen, bieten sich direkt und sofort Chancen und Potentiale für uns und unsere Mitmenschen, für unser Miteinander. Wenn wir
- einander wirklich zuhören
- versuchen nicht zu werten
- die Motivation aufbringen, den Gegenüber zu verstehen
- vielleicht sogar in manchen Kontexten weitere Elemente des aktiven Zuhörens anwenden
- Mitgefühl aufbringen
entstehen Räume, in denen wir akzeptiert werden und uns gesehen fühlen dürfen, wenn wir das wollen. Erkennen vielleicht sogar, dass wir keiner Version von irgendwem entsprechen müssen, um dazu zugehören. Wir reduzieren Stress, verbrauchen weniger Energie, Zeit und Ressourcen für Anpassung. Sehen Gemeinsamkeiten, erkennen uns mit unseren Bedürfnissen im Gegenüber. Spiegeln einander, ohne Angst vor Ablehnung. Ich halte es in der Tat für möglich, uns so zu begegnen. Eine Herausforderung, sicher. Aber wünschenswert.
P. S.: Ich würde gerne eine ganze Reihe „Kopfsalat“ machen, daher im Titel auch „Part 1“. Die Themen stehen noch nicht wirklich fest, reizen würde mich jedoch eine Fortsetzung über psychologische Grundbedürfnisse, Verantwortungsübernahme im Zusammenhang mit autoritären Strukturen oder auch der Auswirkung des Kapitalismus auf die Psyche (anhand der wir ich finde wirklich lesenswerten Artikel von Karim Bettache). Allerdings merke ich, dass ich im Schreiben wenig geübt bin und recht lange für einzelne Textpassagen brauche. Also: Mal sehen…

