Kopfsalat, Part 2: Männlichkeit

Ich gehöre zu den Menschen, in denen Gespräche, Diskussionen oder auch Konflikte länger nachhallen. Meist im positivem Sinn, da ich Verbindung zu anderen Menschen sehr genieße, insbesondere wenn der Kontakt von Resonanz, einem emotionalen Mitschwingen, geprägt ist. Ich mag Gespräche mit Tiefe. Hier dominieren Zustände der Verbundenheit, des Mitgefühls, der Liebe, des „sich gegenseitig verstehen“. Sehen und gesehen werden. Zugehörigkeit. Toleranz. Ich blühe innerlich auf.

Manchmal passiert es aber auch, das mich ein konfliktreicher Kontakt derart belastet, das Gefühle wie Wut, Angst und Frustration, aber auch Hoffnungslosigkeit breitmachen. Neigte ich früher verstärkt zur Abwehr mit Arroganz oder zum „klein beigeben“, versuche ich heute mir treu zu bleiben. Ruhig, aber bestimmt. Das scheint jedoch manches Gegenüber derart zu triggern, dass die Person wohl glaubt lauter werden zu müssen, dominant und abwertend zu reagieren und scheinbar kein Interesse mehr an einem Austausch hat, in dem beide Seiten sich wohl fühlen. Ich fühle mich nicht gesehen, missverstanden, in dem Kontext, den ich gerade vor Augen habe gar als Projektionsfläche missbraucht. Getreu dem Motto: Lautstärke und dominantes Auftreten geben meinen Worten mehr Gewicht. Sprich: Ich weiß wovon ich rede, du hast keine Ahnung. Meist, oder eigentlich immer?!, sind diese Personen männlich. Daher spare ich mir hier das Gendern.

Ich vermute viele Frauen kennen solche „Gespräche“ (eigentlich sind es keine, da der männliche Part dann eher mit einem Spiegel spricht bzw. mit seinen gekränkten inneren Anteilen). Manche erleben diese Form des Kontakts in ihren Beziehungen vielleicht täglich. Einigen bleibt vielleicht sogar nur der schmerzliche Verlust, nie wirklich emotionale Verbundenheit mit dem Mann in der Familie zu erleben.

Verbundenheit kommt ohne Hierarchie aus, Dominanz ist ein Gift im Zwischenmenschlichen. Resonanz entsteht dort, wo Empathie und Mitgefühl auf Augenhöhe Raum gegeben wird. Wo ich sein kann und darf, wie ich möchte. Ohne Angst vor Abwertung. Ich glaube, diese Momente sind rar. Zumindest unter bzw. mit Männern.

In der Regel kommt man gegen derartiges Verhalten nur schwer bis gar nicht an, legt man sich als Gegenüber doch mit einem verletzten und gekränkten Ego an, dass jedes weitere Argument, jedes ruhige Dagegenhalten als zusätzliche Selbstwertbedrohung identifizieren und mit Abwehrmechanismen zu reagieren versuchen wird. Und die sind in der männlichen Sphäre eben oft Dominanz, Abwertung, Manipulation, Gaslighting.

Gelingt des Spagat doch und man erreicht wieder Verbindung, hat erfolgreich deeskaliert, so hat man oft die Emotionsarbeit des Gesprächspartners übernommen. Glückwunsch.

Aber ist das nicht etwas zu einfach, holzschnittartig? Ganz bestimmt sogar. Und natürlich gibt es Frauen, die sich ähnlich verhalten, wie der von mir vereinfacht dargestellte Mann. Ich glaube nur, dass derartige Verhaltensweisen eher bei Männern anzutreffen sind.

Stop! Höre ich einen Teil in mir rufen: Du sagst doch regelmäßig, dass sich Frauen und Männer in ihrem Wesen eigentlich gar nicht so unähnlich sind, das die Gesellschaft viele Unterschiede zwischen Mann und Frau akzentuiert, hervorhebt. Stereo-typisiert. Und jetzt machst Du dasselbe?! Genau. Und ich sehe darin keinen Widerspruch. Denn das ist für mich der Unterschied zwischen dem biologischen und dem sozialen Geschlecht. Eben weil wir über Verhaltensweisen denken, sie seien typisch männlich oder weiblich, blenden wir unsere gemeinsame biologische Grundlage aus. Natürlich gibt es in unserer physiologischen Beschaffenheit Unterschiede, aber erklären diese auch differentielles Verhalten? Ich glaube im Großen und Ganzen: Nein! (und da habe ich die Empirie auf meiner Seite) Warum definieren wir Empathie und Mitgefühl als weiblich? Wieso ist „Rationalität“, Durchsetzungsvermögen, Härte oder auch Führung klassisch männlich? Und das schlimmste: Warum bauen wir um diese Eigenschaften und Verhaltensweisen eine Hierarchie? Wieso denken viele (ich konnte es selbst kaum glauben, bis ich es kürzlich mehrfach in Gesprächen hörte!), dass die Welt ohne diese typisch männlichen Verhaltensweisen in Politik und Wirtschaft nicht funktionieren würde? Das das Feminine ja nett und wichtig sei, für die Weltbühne aufgrund der Weichheit aber nicht tauge? Wieso stellen wir das eine über das andere? Die Antwort ist für mich so einfach einfach wie vorhersehbar: weil die patriarchalen Strukturen, in denen wir leben, es so definieren. Wir uns dort eingerichtet haben. Generationen, die so oder ähnlich gelebt haben, müssen doch wohl recht haben?! Und weil Männer davon profitieren, weil der Selbstwert vieler es einfach nicht aushält, wenn das, was als typisch männlich gesehen war oder wird, plötzlich als defizitär oder falsch gelten soll. Männer sind der Hemmschuh bei Veränderung. Männern steht das eigene fragile Ego im Weg. Wir stellen Konkurrenz und Machtstreben über Mitgefühl und Fürsorge und halten es nicht aus, wenn man uns sagt, das das Weiche, das Mitfühlende, die Zusammenarbeit, der Ausgleich, eigentlich die Verhaltensweisen sind, die evolutionär weiter entwickelt sind. Wir haben uns ein ganzes System gebaut, dass rund um den Mann und seine angeblich überlegene Denk- und Verhaltensstruktur gebaut ist. Politik, Wirtschaft, Verwaltung. Das Bild: der Mensch ist ein defizitäres Wesen und muss kontrolliert werden. Leistung muss belohnt, „Minderleistung“ bestraft werden. Ohne externe Reize würde der Mensch und die Gesellschaft verkommen. Konkurrenz sei der Motor des Menschen, Leistung zu bringen. Leistung wird in diesem Sinne mit Macht belohnt, zementiert Strukturen, die sich einer Veränderung entziehen.

Allein darüber gäbe es noch viel zu schreiben, ich möchte nur soweit einen Impuls setzen: Der Mensch ist intrinsisch motiviert, beizutragen. Etwas zu tun. Für sich und andere, wenn seine Bedürfnisse nach nach Autonomie, Kompetenz und sozialer Eingebundenheit in angemessener Weise befriedigt sind. Keine Härte, kein Druck, keine bedingte Wertschätzung. Keine Hierarchie, keine Machtausübung. Bedürfnisbefriedigung ist das Zauberwort. Wer dies nachlesen möchte, dem sei die Selbstbestimmungstheorie nach Deci und Ryan empfohlen (Ryan & Deci, 2000).

Aber wieso können wir nicht kritisch hinterfragen, was Männlichkeit eigentlich ausmacht bzw. ausmachen sollte, ohne das der Selbstwert (von Männern) derart leidet? Auch hier hilft ein Blick in die Forschung: Vandello et al., 2008 haben sich in ihrer Studie „Precarious Manhood“ einer ähnlichen Frage gewidmet und Antworten gefunden, bestätigt durch eine aktuelle Meta-Analyse (Lorenz et al., 2026): Sie untersuchten kognitive Repräsentationen von Männlichkeit und stellten dabei fest, das die Zuschreibung von „männlich“ verdient werden müsse und deswegen auch wieder aberkannt werden könne. Der Mann also als Bedürftiger, als Getriebener, sich und anderen immer und immer wieder beweisen zu müssen, dass er „ein Mann“ ist. Ständig auf der Suche nach Validierung und Bestätigung. Männlichkeit als „unsicherer Status“. Der Studie zufolge erzeugt ein Infrage stellen des Selbstbilds als Mann Unwohlsein, welches sich in Angst und Aggression zeigt. Als ich das las, fügten sich etliche Puzzleteile in meinem Kopf. Wenn das die Erklärung für die oft gesehene männliche Dünnhäutigkeit wäre? Den Reflex, aggressiv den eigenen Standpunkt verteidigen zu müssen?

Anders im Übrigen bei Frauen: Leiden sie zwar überproportional unter den Folgen patriarchaler Strukturen, so ist ihre Geschlechtsidentität in der Gesellschaft allerdings mit einer Art Geburtsrecht verbunden. Frau ist sie durch das einfache Sein, ohne dies „beweisen“ zu müssen.

Schön. Und Jetzt? Kommen wir da raus? Wollen wir das überhaupt? Vielleicht in Teilen, zumindest zeigt sich unter dem Wahlverhalten junger Frauen doch sehr klar, das Veränderung bei den Fragen Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung gewünscht ist. Ganz anders hingegen unter vielen jungen Männern, die sich, vermutlich ihren Selbstwert schützend, an konservative, teils rechtsradikale Werte klammern.

Als man mir kürzlich ziemlich aggressiv versuchte einzureden, die Menschen wollten nun mal eine konservative Politik und das habe man zu akzeptieren, regte sich bei mir etwas. Nicht so sehr wegen des Inhalts der Botschaft (die zu zerpflücken ist einen eigenen Beitrag wert), sondern wegen der Art und Weise, wie diese vorgetragen wurde. Hier versuchte jemand seinen Selbstwert zu schützen. Die Person war in Not. Vielleicht sah er das Bild von sich, den Lebensweg, das Erreichte, die Arbeit und Leistung, die dahintersteht, bedroht. Zwar hatte ich ihm das nicht abgesprochen, ich kann aber verstehen, das gesellschaftliche Veränderung Angst erzeugt und die habe ich, wie so oft, angemahnt.

Viele Männer klammern sich an Erreichtes. An Leistung. An stereotype Selbstbilder. An die Vergangenheit. An die Anpassung, die man zu viele Jahre betrieben hat. Dieses Klammern kann kurzfristig Selbstwert erzeugen, macht diesen aber fragil und anfällig für Kritik. Wenn ich an etwas festhalte, bin ich darauf angewiesen, dass es sich nicht verändert oder umgedeutet wird. Veränderung wird zur Bedrohung, erzeugt Angst. Andere Meinungen werden zur Anklage.

Viele Männer kennen das, ich nehme mich hier nicht aus. Es ist anstrengend, in diesem Hamsterrad zu stecken. Aber mal ehrlich: Wir als Männer haben es selbst in der Hand. Wir tragen die Verantwortung für uns selbst, nicht die Gesellschaft, und schon gar nicht Frauen, auf denen vielfach die mentale und emotionale Belastung ganzer Familien liegt. Die Hierarchie, die viel zu lange zwischen Mann und Frau aufrechterhalten wurde, um das männliche Ego zu schützen hat vor allem auf weiblicher Seite zu viel Leid erzeugt.

Aber wir dürfen loslassen. Erwartungen, die nie die unseren waren. Stereotype und Rollenbilder, denen wir glaubten, entsprechen zu müssen. Scheiß drauf. Du und ich, wir müssen keinem Bild von einem Mann entsprechen, dass wir uns nicht selbst ausgesucht haben. Ich möchte nicht mit einem Stereotyp verglichen und daran gemessen werden. Mit „den Männern“ in einen Topf geworfen werden. Ich kann verstehen, dass sich viele in der einfachen Zuschreibung von „männlich“ und „weiblich“ nicht mehr gesehen und repräsentiert fühlen. Die Realität ist meist komplexer als diese beiden Pole. Ich möchte empathisch und mitfühlend sein, mich kümmern um Familie und Freunde. Tiefe Gespräche führen. Eine Bandbreite von Emotionen zeigen. Und der Abgeklärtheit, dem ewigen Smalltalk zwischen Männern eine Absage erteilen. Auch als biologischer Mann, der sich vereinfachender Zuschreibungen entzieht.

Ich glaube, dass die autoritäre Veränderung, die wir momentan in der Welt beobachten, der Backlash, eine Folge des kleinen männlichen Egos ist. Das ist so armselig. So Schwach. So durchschaubar. So bedürftig. Wir stürzen uns in Kriege, Genozide, halten Konflikte aufrecht. Schreien nach Stärke, Macht und Härte. Wünschen uns autoritäre Anführer. Und nennen es auch noch „notwendig“, behaupten, das die Welt nun mal so sei, dem müsse man sich stellen. Dabei ist all das von uns gemacht, aus einer patriarchalen Sichtweise. Das positive: was wir als Menschen schaffen, ist veränderbar. Es gibt kein Naturgesetz, dass die Welt so funktionieren muss, wie sie es aktuell (nicht mehr) tut.

Dabei hätten wir es anders machen können. Nach dem zweiten Weltkrieg schufen wir die Verneinten Nationen, Menschenrechte wurden erklärt. Aber wir gingen nicht an die zentrale Funktionsweise unserer Gesellschaften und Ökonomien. Konkurrenz und Wettbewerb blieben die Triebfedern unserer Gesellschaft. Wohlstand wurde rein monetär definiert und so bis heute gemessen. Im Einklang mit vielen AutorInnen, deren Bücher ich in letzter Zeit lesen durfte, frage ich: Warum schufen wir ein kapitalistisches System, das Mangel, Konkurrenz und Wettbewerb, aufbauend auf einem defizitären Menschenbild, für wichtiger hält als Mitgefühl, Empathie, Zusammenarbeit und gemeinschaftliches handeln? Heute würde ich sagen: Entgegen dem Wissen über das menschliche Wesen und dessen Bedürfnissen? Für mich erklären patriarchale Strukturen all das so gut. Das Männliche stellt sich über das Weibliche und definiert damit, das dessen Narrative, Werte und Verhaltensweise den feministischen vorzuziehen sind.

Es scheint ein unüberwindliches Hindernis. Wir mögen spüren, das es so in vielerlei Hinsicht nicht weitergeht, verweigern aber vehement jede Veränderung in Richtung (feministischer) Alternativen. Versuchen wir es doch, nutzen wir altbekannte Strategien und Muster, die uns früher vielleicht einmal nützlich waren, bisher die Dinge „am Laufen“ hielten. Albert Einstein erkannte dies:

Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind

Wir dürfen und sollten also neue Wege gehen. Für mich beginnen diese in der Erkenntnis, dass wir unsere eigenen (männlichen) Muster hinterfragen. Uns für Veränderung öffnen, ohne dies als Angriff oder Bedrohung für unseren Selbstwert zu betrachten. Wir dürfen uns verändern und ich glaube, dass viele mir, nachdem die Schnappatmung nachgelassen hat, recht geben.

Vielleicht wären Vorbilder hilfreich, die das Mann sein an Verhaltensweisen knüpfen, die den gängigen Stereotypen entgegenstehen. Männer, die Care-Arbeit übernehmen und dafür auf Macht, Geld und Erfolg verzichten. Männer, die emotional verfügbar sind. Für Ihre PartnerInnen und Kinder. Männer, die in der Lage sind, ihre eigenen Emotionen zu regulieren und dafür nicht auf ihre PartnerInnen angewiesen sind. Die Verantwortung außerhalb des Berufs übernehmen. Männer, für die Gewalt keine Lösung ist und die für Frauen und Kinder keine Bedrohung darstellen…die Liste ließe sich fortführen.

Vielleicht fehlt es an (sichtbaren) Vorbildern. Oder anders: Es gibt sie, doch sie sind nicht so präsent, denn sie sind oft leiser, weniger dominant und widerstehen der Versuchung, aus (öffentlichen) Diskussionen und Konflikten als Sieger hervorgehen zu müssen. Nicht weil sie es nicht könnten, sondern weil ihr Ego diese Form der öffentlichen Bühne und der dauernden Bestätigung schlicht nicht mehr braucht. Auch der Sänger Mika besingt in einem seiner Songs das schmerzliche Fehlen von Vorbildern:

Where have all the good guys gone?

Ich glaube sie sind da. Wir brauchen nur den Fokus zu ändern. Und vielleicht unsere Einstellung, unsere Werte. Die Art, wie wir Jungen erziehen, bedarf dazu eines grundlegenden Resets. Bell Hooks beschreibt sehr einfühlsam, wie bei verspielten, fröhlichen und emotional ausdrucksstarken Jungen häufig ab dem Alter von 6 oder 7 die Leichtigkeit des Lebens der Härte, sich und anderen gegenüber, weicht. Wie Rollenbilder meist von den eigenen Vätern auf die Heranwachsenden übertragen werden. Das dürfen und sollten wir hinter uns lassen. Es ist nicht unsere Aufgabe, Jungen (und auch Mädchen) nach unseren Vorstellungen zu formen. Wir sind keine Bildhauer und Kinder keine rohen Felsen, die es mit Gewalt zu formen gilt. Wir dürfen auch einfach nur stauen, welche Eigenschaften und Wunder sich mit sanfter Begleitung von alleine entfalten.

Queen beschrieb diesen Wunsch, ja die Notwendigkeit die Liebe über veraltete Muster zu stellen in „heaven for everyone“ so wunderbar einfach und klar:

we should bring love to our daughters and sons

Make it so.

Literatur

Lorenz, L. L., Hüther, L., Steffens, M. C., Niedlich, C., Wesnitzer, H., & Kachel, S. (2026). Masculinity Threat in Heterosexual Men: A Comprehensive Meta-Analysis of Experimental Research with Recommendations for Future Theory Building and Research Practice. Personality and Social Psychology Review, 1-27. https://doi.org/10.1177/10888683261433109

Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78. https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.68

Vandello, J. A., Bosson, J. K., Cohen, D., Burnaford, R. M., & Weaver, J. R. (2008). Precarious manhood. Journal of Personality and Social Psychology, 95(6), 1325–1339. https://doi.org/10.1037/a0012453