Ich hatte schon manches Mal vor, ein persönliches Portrait über meine Heimat zu schreiben. Nun, so denke ich, ist mit den verheerenden Bränden der letzten Tage ein trauriger Anlass gefunden. Mit Schmerz, Leid und Zerstörung kennen sich der Wald, die umliegenden Orte und Gemeinden gut aus. Sind sie doch Zeitzeugen einer Geschichte, von der man hofft(e), dass sie sich „nie wieder“ wiederholen wird. Und doch stehen wir an der Schwelle zu einem zurück in dunkle Zeiten, lassen die Landtagswahlen im Osten doch nichts Gutes erahnen, machen nicht nur mir Angst. Seit Donnerstag steht der Hürtgenwald nun für eine weitere Mahnung: Wenn es uns nicht gelingt, die Klimakatastrophe aufzuhalten, werden sich Dürren und Brände, aber auch andere Extremwetter häufen, die Folgen immer dramatischer werden. Ein Ort als Mahnmal, aber auch ein Ort der Widersprüche: Denn die Wälder sind für mich gleichzeitig ein Ort der Ruhe und von atemberaubender Schönheit.
Ich möchte wenig über die Ereignisse der letzten Tage schreiben. Hierzu gibt es Nachrichten, Liveticker und andere Informationsquellen, die die Infos besser aufbereitet haben. Nur so viel: Das Engagement und der Zusammenhalt der Menschen vor Ort und darüber hinaus war und ist überwältigend. Mit welcher Geschwindigkeit Lösungen gefunden wurden, beeindruckt mich enorm. Es wurde gehandelt und nur mit vereinten Kräften konnte Schlimmeres verhindert werden.
Früher
Ich saß als Kind oft mit meinen Großeltern und lauschte ihren Geschichten. Ich war neugierig auf die Erzählungen meines Großvaters aus dem Krieg, er selbst verlor in den Kämpfen in der heutigen Ukraine ein Bein. Meine Großmutter berichtete über die verheerende Bombardierung von Düren, die sie miterleben musste. Ich habe viel gefragt, mir wurde meist geduldig geantwortet. Die Angst, den Schrecken und die Verzweiflung, die sie erlebt haben müssen, konnte ich mir damals nicht wirklich vorstellen. Emotionen waren meist auch nicht Teil der Unterhaltung. Ich erinnere mich nur an mein eigenes diffuses Gefühl von Unverständnis, wieso sich Menschen so etwas antun können.
Und immer wieder viel in den Geschichten ein Ort: Hürtgenwald. Ich verband zu der Zeit nicht viel damit, lediglich ein paar Orte waren mir geläufig: Gey, Vossenack, Kleinhau, Schmidt. Oma erzählte von den Explosionen, den Feuern, dem erleuchteten südlichen Himmel, den man von Düren aus sehen konnte. Erzählte von der Allerseelenschlacht. Über Monate dauerten die Kämpfe an. Die Amerikaner lieferten sich mit der Wehrmacht erbitterte Schlachten, Zehntausende fanden auf beiden Seiten den Tod. Im Bücherregal meiner Großeltern stand ein Buch: „Hölle im Hürtgenwald“. Der Titel genügte mir, ich hatte eine Vorstellung. Intensiver mit der Geschichte des Hürtgenwaldes beschäftigt habe ich mich erst mit Mitte 20, als wir in die Gemeinde gezogen sind. Ab dann begannen sich die Fäden, die losen Geschichten in meinem Kopf zu verbinden. Wo waren die Orte, von denen so viel berichtet wurde? Die Wurzeln meiner Großmutter im Weiler „Klaus“, der Schmidter Ortsteil Kommerscheidt, Simonskall, das Kall- und die Wehebachtäler. Für mich heute teils magische Orte, voll von Geschichte. Von Mahnung und zugleich Hoffnung, wie die Mestrenger Mühle: Hier behandelte der deutsche Arzt Günter Stüttgen auch amerikanische Soldaten und riskierte damit sein Leben. Ein Gemälde, ausgestellt im Museum der Nationalgarde in Washington D. C., hat die Begebenheiten festgehalten.
Überhaupt fehlt es nicht an prominenten Zeitzeugen der Kämpfe, die von Oktober 1944 bis Februar 1945 andauerten. Heinrich Böll, J. D. Salinger, Ernest Hemingway. Böll und Salinger erlebten die Kämpfe aus der Sicht von Soldaten, Hemingway war Kriegsberichterstatter. Alle wurden geprägt durch die Erfahrungen der Kämpfe. Hemingway schrieb nach dem Krieg seinen Roman „Über den Fluss und in die Wälder“, verarbeitete darin seine traumatischen Erlebnisse. Ich habe mich damals durch das Buch gequält, ist es doch voll von Selbstverachtung und Entfremdung.
In Kreuzau-Langenbroich findet sich das Heinrich-Böll-Haus, in unmittelbarer Nähe zum Hürtgenwald. Böll verbrachte hier 1985 seine letzten Tage, traf sich dort 1974 mit dem russischen Dissidenten Alexander Solschenizyn, nachdem dieser aus der Sowjetunion ausgewiesen worden war. Bis heute werden hier verfolgte KünstlerInnen beherbergt.
Der Wald, die Täler und Höhenzüge, die Ortschaften. Voll von jüngerer Geschichte. Einer Geschichte von Krieg, Zerstörung, Gewalt, Leid, und Tod. Eine Geschichte, die man als Mahnung, zugleich aber auch als Chance begreifen kann. Eine Chance der wiederkehrenden Erzählung von Nationalismus, Rassismus und Faschismus einen Stock in die Speichen zu werfen. Die Folgen und Spuren einer solchen Ideologie sind hier greifbar.
Heute
Heute brennt der Wald. Und es vermischen sich die Folgen des Krieges mit den Folgen der Klimakrise. Munitionsreste erschweren die Löscharbeiten, bringen die Einsatzkräfte in Gefahr. Die anhaltende Trockenheit in Kombination mit dem erhöhten Dampfhunger der Atmosphäre durch hohe Temperaturen machen Brände wahrscheinlicher. Überall auf der Welt lässt sich das aktuell beobachten. Die „Einschläge“ kommen näher, haben nun meine Heimat erreicht. Verdrängen, ignorieren, ablenken. All das hilft nicht. Hat es nie. Wird es nie. Vielleicht wünschen wir uns irgendwann n den „kühlen“ Sommer 2026 zurück, wer weiß. Besser wird es ohne entschiedenes Handeln sicher nicht.
Für mich mischt sich all das mit Sorge und Trauer. Es ist etwas verloren gegangen. Es wird noch vieles verloren gehen. Zeitgleich brennt es im Venn in unvorstellbarem Ausmaß. Ökosysteme werden auf Jahre geschädigt und vernichtet. Systeme, die wir für unser Überleben so dringend benötigen. Orte und Gegenden, die man als Heimat bezeichnet hat: auf Jahre weg. Verändert, verbrannt. Es bleibt die naive Hoffnung, dass es nicht noch schlimmer kommt.
Der Wald ist ein Ort um zur Ruhe zu kommen, Kraft zu tanken. Im Vergleich zum Aufenthalt in urbanen Gegenden gibt es hier positive Effekte auf unser psychisches Wohlbefinden und unseren Cortisolspiegel (Haluza et al., 2025). Wir brauchen die Verbindung, auch und gerade zur Natur. Ich verspüre bei meinen Streifzügen oft eine Zugehörigkeit zur Welt, zur Natur, die auch die eingangs angerissene Widersprüchlichkeit einbezieht. Auf den Überresten zerstörter Bunker wachsen mittlerweile Bäume. Krieg und Zerstörung, überdauert von den Kräften des Ökosystems. Ein Symbol der Zerstörung, vereinnahmt vom Leben. Ein faszinierender, wunderbarer Anblick. Solche Erfahrungen sind in den hiesigen Wäldern allgegenwärtig, offene Augen vorausgesetzt.
Nun werden die Folgen der Brände die verbleibenden Wälder noch wertvoller und erhaltenswerter machen. Und es kommt eine weitere Mahnung hinzu: Ohne Klimaschutz kein Wald. Ohne Wald, ohne Biodiversität keine Lebensgrundlage. Ohne Lebensgrundlage kein Überleben. Ich denke, man darf und muss das so deutlich schreiben. Es geht letztlich um uns, um menschliches Überleben.
Verantwortung
Das Feuer ist entstanden durch irgendeinen Idioten
Innenminister von NRW, Herbert Reul (CDU)
So sagte Herbert Reul bei einem Besuch im Hürtgenwald. Mag sein, dass Menschen fahrlässig oder leichtsinnig gehandelt haben. Wissen kann er es nicht. Vergessen oder weggelassen werden dabei von ihm aber die Voraussetzungen, die dafür sorgen, dass Wälder derart schnell in Flammen stehen können. Trockenheit, Dampfhunger der Atmosphäre. Bedingt durch den menschengemachten Klimawandel. Durch verschleppte politische Maßnahmen. Zu teuer, nicht realistisch, naiv. Schlecht für die Wirtschaft. Die immer gleiche Kakophonie. Wenn ich mir ein Statement eines Innenministers in einer solchen Situation wünschen dürfte, wäre es das Folgende:
„Für über 90% aller Waldbrände ist der Mensch verantwortlich. Ich gehe daher davon aus, das jemand, aus Absicht oder fahrlässig, dieses verheerende Feuer verursacht hat. Das muss und wird Konsequenzen haben. Wir sollten als Gesellschaft darüber reden, wie wir uns in der Natur, unserer gemeinsamen Lebensgrundlage, verhalten sollten. Zu unser aller Wohl.
Gleichzeitig übernehme ich als Vertreter der CDU, als Regierungsmitglied in NRW, Verantwortung. Verantwortung für den bisher zu langsam umgesetzten Klimaschutz, unzureichenden Hitze- und Waldbrand- und Katastrophenschutz. Ich werde mich dafür einsetzen, dass diese Themen wieder ganz oben auf die Agenda dieser Landesregierung kommen. Unsere Ökosysteme sind unsere Lebensgrundlage, alles Andere hat sich dem unterzuordnen. Ohne aktiven Klimaschutz kein Wirtschaften, keine politische Stabilität, keine funktionierenden Sozialsysteme. Packen wir es an.“
Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Was Reul und wir alle aber in Wirklichkeit machen und zur Normalität haben werden lassen, ist Verantwortungsdiffusion. Der Begriff stammt ursprünglich aus den Forschungen der Psychologen Darley und Latané (1968) zum „Bystander Effekt“. Sie konnten zeigen, dass je mehr Menschen eine Situation beobachten oder mitbekommen, in der jemand dringend Hilfe benötigt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wirklich jemand hilft. Eine andere Person wird schon helfen. So denken die Meisten. Das soll keine Wertung sein, es sind schlicht empirische Daten. Das Phänomen lässt sich fast perfekt auf den Klimawandel übertragen: Deutschland sei nur für xy% der CO2 Emissionen verantwortlich, alleine handeln mache daher keinen Sinn. Oder erstmal sollen: die Bürger, die Unternehmen, China, die USA, die Politik, Landesregierungen, Kommunen, Bund. Es ist leicht auf andere zu zeigen, da wir letztlich alle Verantwortung tragen.
Wir tragen alle Verantwortung
Ich finde das beruhigend. Denn: Ich trage die Verantwortung nicht alleine. Es geht um die Gemeinsamkeit: WIR. Und damit auch zur Lösung. Niemand kann die klimatischen Veränderungen alleine aufhalten. Aber wir können beginnen, im Kleinen wie im Großen, unabhängig davon, wie stark der vermutete Effekt sein wird. Das können wir alle. Auch wenn der Gedanke in uns Widerstände auslöst. Anzufangen heißt nicht, die bisherige Lebensleistung in Frage zu stellen. Es heißt auch nicht, persönliche Lebensentwürfe in einem „Ranking“ zu bewerten. Es bedeutet schlicht: Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, kritisch und realistisch einzuschätzen, wie und wo man steht und sich verändern kann, um den Klimawandel zu bremsen. Im Rahmen der individuellen Möglichkeiten. Wir brauchen möglichst alle: Die Individuen, Parlamente, Politikbetrieb und Regierungen, Verwaltungen. Klimaschutz darf kein Partikularinteresse einer Partei sein. Es geht nur gemeinsam.
Und hier schließt sich der Kreis: Der Hürtgenwald zeigt die Folgen des Klimawandels, aber auch einen schrecklichen Teil der Folgen rechter, faschistischer und menschenverachtender Ideologie. Beides führt jeweils für sich genommen in den Abgrund. Die Botschaft könnte sein: Es braucht zweierlei: Erstens eine stabile, demokratische Gesellschaft im Miteinander. Hoffnungsvoll stimmt vielleicht die starke Unterstützung der Zivilgesellschaft während der letzten Tage bei der Bekämpfung der Brände. Das waren und sind eben keine Bystander, sondern Menschen, die Verantwortung übernehmen. Zweitens effektiven Klimaschutz. Wir dürfen es nicht riskieren, dass unsere Ökosysteme unter den Folgen unseres (nicht) Handelns kollabieren, Klimaschutz schützt letztlich menschliches Überleben.
Es ist noch nicht zu spät, die Weichen für eine lebenswerte Zukunft für uns und uns nachfolgende Generationen zu stellen. Ich halte es für möglich.
Literatur
Darley, J. M., & Latane, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of Personality and Social Psychology, 8(4, Pt.1), 377–383. https://doi.org/10.1037/h0025589
Haluza, D., Kersten, P., Lazic, T., Steinparzer, M., & Godbold, D. (2025). Unlocking the Power of Nature: Insights from a 20-Minute Forest Visit on Well-Being. Forests, 16(5), 792. https://doi.org/10.3390/f16050792
