…wollte ich eine Fortsetzung zum meinem ersten Teil von „Kopfsalat“ schreiben. Eigentlich. Aber ich kann gerade nicht, denn die Welt brennt. Eigentlich wollte ich mal so viel. In einer Welt leben, die der Vernunft noch nicht vollends gute Nacht gesagt hat. Schlaf gut, das Licht bleibt jetzt aus. Dich braucht niemand mehr. An Deine Stelle tritt jetzt…keine Ahnung, der kollektive Wahnsinn? Die Kakophonie des Belanglosen? Ein neues Kapitel von „Brot und Spiele“? Ehrlich, ich checks nicht. Der Weltschmerz hat mich mal wieder…
Ich dachte lange Zeit, ich verstehe meine Mitmenschen. Und ja: manchmal tue ich das. Aber im Ernst? Eigentlich will ich nicht mehr. Ich hab die Schnauze voll von Verständnis aufbringen, Gründe suchen, wieso und weshalb. Erklärungen für kurzsichtiges und realitätsfernes, uns alle gefährdendes Handeln finden. Im Kleinen Wege aufzeigen, aufklären. Versuchen, Hoffnung zu verbreiten. Das kostet alles so viel Kraft. Ich nehme mich doch bald selbst nicht mehr ernst. Auf der großen Bühne bewerfen sich derweil fragile Kindergarten-Egos mit Dreck und bezeichnen es als Stärke, ernten Beifall. Reißen vieles von dem ein, was in mühevoller Arbeit über Generationen aufgebaut und zu Recht als Errungenschaft bezeichnet wurde. Grundrechte, Gleichstellung von Mann und Frau, Rechte von Minderheiten, internationale Zusammenarbeit, gesellschaftlicher Ausgleich, Klimaabkommen…ich könnte kotzen. Wo soll das hinführen? Was ist mit den nach uns Nachfolgenden?
Ich bin aufgewachsen in dem Glauben, das sich Dinge zum positiven entwickeln. Der Mensch sich entfaltet, Ungerechtigkeiten abschafft und bekämpft. Am Ende, in ferner Zukunft, steht dann vielleicht eines Tages eine Form des Zusammenlebens, die frei ist vom Ego. Von der Existenzweise des Habens (Erich Fromm, Haben oder Sein, 1976). Ich glaube immer noch, dass so etwas möglich ist. Aber wir legen lieber den Rückwärtsgang ein. Vollgas!
In Watte packen löst keine Probleme, Egos schützen, gerade jenes von Männern, verhindert Veränderung. Wir sind selbst für uns verantwortlich, in jeder Hinsicht. Und ja: Es sind Männer, die die Welt lieber brennen sehen. Aus egozentrischer Gier, aus Machtstreben, was auch immer. Verletzte kleine Egos, die allen ihre „Männlichkeit“ beweisen müssen. Kinder in Körpern von Erwachsenen. „Ich will aber!“, „Der hat angefangen!“. Und damit alle mit in den Abgrund reißen. Kriege, Tote, zerstörte Biografien, Leben, traumatisierte Familien und Nationen über Generationen.
Aber klar, hey! Es geht um die Wirtschaft! Das Geld muss fließen. Huldigt dem Mammon! Wer versteht denn nicht, dass sich alles andere unterzuordnen hat? Bist du naiv! Eine Gesellschaft, in der alle, wirklich alle, gleich sind? Unabhängig von Leistung? Vom Geschlecht? Von Hautfarbe und Herkunft? Wer will denn sowas? Klima? Egal, kein Geld. Linksgrüner Scheiß. Lebensgrundlage? Erst Umverteilung nach oben! Die Techbros brauchen mehr… Gesellschaftlicher Ausgleich? Pah! Kostet den parasitären Geburtsrecht-Nutznießern die Dividende, geht nicht.
Das kann doch alles nicht mehr wahr sein. Wir zerstören unsere Lebensgrundlage, wirklich leugnen kann das niemand mehr. Und tun so, als wäre nichts. Wir zerstören unsere Demokratien und halten den Brandstiftern auch noch die Bühne. Bewundern den Erfolg derer, die Härte als altes, neues Mittel für stabile und erfolgreiche Gesellschaften erachten. Egal, FUSSBALL!!! Immer drauf! Auf die Schwachen, die Bedürftigen, die Kranken…wer Geld hat, hat Macht, hat Recht. Wachstum! Ohne können wir uns Menschlichkeit, Generationengerechtigkeit, Empathie und diesen ganzen soften Scheiß nicht mehr leisten. Im Ernst: Wir sind so lost…
In seinem Buch „Erziehung prägt Gesinnung“ fragt der Autor Herbert Renz-Polster, wieso wir uns nach dem zweiten Weltkrieg für ein System entschieden haben, das Härte über Mitgefühl setzt. Ich würde noch weiter gehen: Wir entscheiden uns, jeden Tag, für Strukturen, die vollkommen außer Acht lassen, was uns als Menschen ausmacht. Denn: Wir sind NICHT von „Grund auf Böse“. Wir werden so gemacht. In Familien. In Schulen. In Betrieben, Konzernen und Behörden. Müssen überall nachweisen, dass wir keine egozentrischen und betrügerischen kleinen Pisser sind, weil, na klar, die gibt es ja. Lernen früh, uns anzupassen, eigene Bedürfnisse hinten anzustellen. Uns klein zu machen, Träume zu begraben, weil, logisch, wir wollen ja lieb und nett sein. Und bloß nicht zu viel wollen. Was sollen denn die anderen denken. Nachbarn, MitschülerInnen, KollegInnen. Alle haben ihren Beitrag zu leisten…
Und es fängt früh an. Bereits in der Grundschule lernen wir, wo unser Platz ist, was von uns erwartet wird. Wir lernen, uns mit anderen zu vergleichen, statt stolz auf uns und unser Erreichtes, unsere Entwicklung zu sein. Nie gut genug, irgendjemand ist immer besser. Quer- statt Längsschnitt. Gift für die persönliche Entwicklung. Leistung! Prüfung! Die Diskussion über die Bundesjugendspiele zeigt die Absurdität überdeutlich. Als hätten wir im Bildungswesen sonst keine Probleme…
Für mich zeigt ein Gedicht der Lyrikerin Clara Lösel sehr schön und einfühlsam, wie sich Anpassung, Vergleich und Scham auf uns auswirken. Wie wir aufhören zu träumen. Und gleichzeitig liegt für mich hier auch eine mögliche Lösung: Wir sollen und dürfen uns zurück besinnen, was und wer wir sind. Was unsere Werte, unsere Bedürfnisse sind. Diese vertreten, danach leben. Uns zeigen, mit unseren Makeln, der Unperfektion, unseren Wünschen, Träumen und Neigungen. Raus aus der Anpassung. Raus aus dem „immer weiter so“, raus aus der Härte gegen uns selbst, gegen unsere Mitmenschen. Hinein in das, was uns als Individuen und als Gemeinschaft wirklich zufrieden macht und stärkt. Carl Gustav Jung sagte einst:
Die Welt wird dich fragen, wer du bist, und wenn du es nicht weißt, wird sie es dir sagen
Nochmal: Raus aus der Anpassung. Wir haben zu früh gelernt, wo unser Platz in einer Gesellschaft zu sein hat. Was wir wollen und wie wir leben dürfen. Zu früh, um es für uns selbst herauszufinden. Und vielleicht hindert uns das, das Erlernte, das Bekannte in seiner Widersprüchlichkeit wirklich zu erkennen und zu hinterfragen. Alte Muster. Wir akzeptieren die Härte, die uns aus Politik und Wirtschaft entgegenschlägt, akzeptieren präsentierte Lösungen als Notwendigkeiten. Vergessen dabei aber, dass unsere aufgebauten Strukturen, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systeme, keineswegs Naturgesetze, sondern menschengemacht und somit veränderbar sind. Das Pochen auf Notwendigkeit, Alternativlosigkeit und Realpolitik ist oft nichts anderes als versteckte Angst. Angst vor Veränderung, vor Verantwortung. Verantwortungsdiffusion wird zum Mittel der Vermeidung.
Was also tun? Ich weiß es doch auch nicht. Ich kann nur beschreiben, was ich mir wünsche. Und für mich ist es der erste Weg zu erkennen, was mich bewegt, was andere bewegt. Ein emotionaler Zugang ist für mich die Musik. Vergangenen Samstag war ich mit Freunden auf einem Konzert der Sportreunde Stiller auf der Festung Ehrenbreitstein. Als diese mittendrin den Titel „Ich war noch niemals in New York“ von Udo Jürgens spielten, merkte ich, wie sich etwas in mir bewegte. Die oft versteckten Bedürfnisse nach Selbstbestimmung und Freiheit bekamen für ein paar Minuten Raum. Ich glaubte an den Reaktionen der mehreren tausend Menschen zu erkennen, dass es nicht nur mir so ging. Ein kurzer Moment der Resonanz und Verbindung.
So etwas kennen wir alle. Vielleicht ist das ein wertvoller Hinweis darauf, was wir uns zutiefst wünschen, welche Bedürfnisse wir haben, welche Werte wir vertreten (würden). Gehe ich diesen Gedankengang weiter, kann ich zwar sehr abstrakt, aber dennoch klar eine Welt zeichnen, die ich mir für mich, meine Familie und Mitmenschen wünsche. Eine offene Welt in Verbindung, auf Augenhöhe mit meinen und unseren Mitmenschen. In Freiheit, in Gleichheit. Eine gerechte Welt, die unterschiedliche Bedürfnisse anerkennt und darauf adäquat eingehen kann. Eine Welt, die Verantwortung übernimmt. Nicht nur für das Jetzt und den kurzfristigen Profit, sondern auch für unsere Zukunft und die der nachfolgenden Generationen. Eine Welt, die Raum lässt für individuelle Wege und Entscheidungen, sofern diese die Mitmenschen nicht ausbeuten oder ihnen schaden. Eine Welt, die Härte ablehnt und stattdessen nach Lösungen sucht, die alle gleichberechtigt mitdenkt. Eine Welt, die Veränderung nicht als Bedrohung wahrnimmt. So sollte es sein. Eigentlich.
Eigentlich. Das Wort öffnet laut dem Soziologen Hartmut Rosa den Weg zu situationsgerechtem Handeln. Das Gegenteil ist seiner Ansicht nach das Vollziehen, das strikte Befolgen von Regeln, Gesetzen und Vorschriften, ohne Berücksichtigung der entsprechenden Umstände. Vielleicht ist das der Schlüssel. Betrachten wir die Situation. In der Welt, der Gesellschaft, in unseren Familien und in uns selbst. Und fangen endlich an verantwortungsvoll zu handeln.

