Viele Fragen…

…und nur vereinzelt Antworten. Zukunft. Erzählungen. Ideologien. Deutungshoheit. Wohin soll das führen? Eine Frage, die ich mir in der letzten Zeit oft stelle. Begleitet manchmal von Wut, Angst, Verzweiflung. Aber auch Zuversicht und Hoffnung. Schuld.

Warum das? Wieso schreibe ich (öffentlich)? Einfach so? Vermutlich. Oder auch nicht. Vielleicht finden sich Menschen, denen es ähnlich geht. Menschen, die verstehen und nachvollziehen wollen. Unvoreingenommen sind… (bin ich das denn überhaupt?)

Die Zeiten sind schnell und gleichzeitig auch langsam. Veränderung und Besitzstandswahrung schreien sich gegenseitig ins Gesicht. Und es passiert: Nichts. Ein Schritt vor, einer zurück. Gegenfragen statt argumentieren. Alles auf Anfang. Sind wir unseren Kindern in Zeiten multipler Krisen nicht mehr schuldig? Wenigstens der Versuch einer lösungsorientierten Diskussion?

Kleines Beispiel: Die Demonstrationen gegen die AfD in den vergangenen Monaten. Fanden alle richtigerweise ganz wichtig und toll, zivilgesellschaftlich ein Zeichen setzen. Und was sind die Konsequenzen, außer dass die Proteste nachgelassen haben? Eben. Mit den Diskussionen rund um Klimakatastrophe, Verkehrswende und Bildung sieht es nicht anders aus…

Wie wollen wir zukünftig weiter in einer Gesellschaft leben? Was ist mit den immer drängender werdenden Fragen und Herausforderungen der Zukunft? Haben wir darauf eine Antwort, jenseits des „weiter so“? Die junge Generation, also diejenigen, die das, was wir gerade verbocken, einmal ausbaden müssen, resignieren. Werden krank. Unsere Kinder. Wir laden Schuld auf uns. Wie wird die Geschichte einmal auf diese Zeit zurückblicken?

Hören wir noch auf die richtigen Menschen? Und auf wen hören wir da überhaupt? Meist doch auf diejenigen, die selbstbewusst und laut die eigene Meinung vertreten. Macht, Geld und Status haben. Denn es ist doch so: wer selbstsicher und „typisch männlich“ auftritt, dessen Wort hat mehr Gewicht. Beeindruckt und wirkt auf uns. Unabhängig von (Fach-)Wissen und Expertise der Person. Sollten wir nicht viel mehr denen zuhören, die sich mit den Fragen der Zeit auf möglichst rationaler Ebene beschäftigen? Sich intensiv damit auseinandersetzen? Antworten haben, die nachprüfbar entstanden sind, anstatt reichweitenstarker Meinungen? Und den ruhigen Stimmen mehr Gewicht geben?

Es gibt sie, diese Menschen: in den verschiedensten Wissenschaften haben Sie sich mit den Problemen und Herausforderungen der Zukunft und möglicher Lösungen auseinandergesetzt. Wege aufgezeigt. Und irgendwie…scheint es egal zu sein. Mehr noch: Oft werden sie abgewertet, man fällt Ihnen ins Wort. Unterstellt ihnen gesteuerte Absichten oder „Ideologie“. Oder belehrt, typisch männlich herablassend, wenn eine Wissenschaftlerin ihren Standpunkt vertritt. Dann ist wieder Ruhe. Kollektive Dissonanzreduktion. Hauptsache, wir können unsere Normalitätssimulation weiterleben.

Der Psychologe Bruce Poulsen schrieb 2018: „Climate change is a psychological crisis, whatever else it is.“. Er meint damit nicht nur die Folgen der Klimakrise auf unsere (psychische) Gesundheit, sondern bezieht sich u. A. auch auf unser Handeln im Umgang mit Erkenntnissen im Rahmen der Klimakrise und der daraus wahrgenommenen Bedrohung für unser Selbstbild. Erkenntnisse, die Veränderungen einfordern. Scheinbar den eigenen Lebenslauf in Frage stellen. Und da kommt der große Gegner der Veränderung: Die Reaktanz. Befeuert von der Angst, etwas zu verlieren, lieb gewonnene Gewohnheiten aufgeben zu müssen, scheint sie unbesiegbar. Erstickt den Diskurs im Keim. Veränderung, nein danke. Lösung? Ich habe keine…

Anders die vielen Mutigen, die sich aus dem wissenschaftlichen Kokon heraustrauen, mitgestalten wollen. Versuchen ihre Profession und Erkenntnisse der Öffentlichkeit näher zu bringen und Lösungen zu präsentieren, die, na klar, Veränderungen bedingen. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und setzen sich der Gefahr aus, im öffentlichen Diskurs zerrieben zu werden. Ich bewundere diese Menschen, haben sie doch eines geschafft, an dem ich fast täglich scheitere: Sie sind ins Handeln gekommen, versuchen etwas zu bewirken.

Im Dezember 2023, am Rande des 37. Chaos Communication Congress, interviewte Tilo Jung im Rahmen seines Formats „Jung und naiv“ die Politökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel. Er sprach sie auf die multiplen Krisen und Herausforderungen an, ob sie hierbei nicht ihre Zuversicht verlieren würde. Er hat es über Minuten wirklich versucht, ihr eine launische Bemerkung, einen Funken Resignation zu entlocken…und ist gescheitert. Ihre Erwiderung, was denn die Alternative zur Zuversicht sei, hallt bei mir nach. Ihre Zuversicht möchte man ihr abnehmen, ist bewundernswert und herausfordernd zugleich.

Diejenigen, die nach Lösungen suchen, heben immer wieder die Bedeutung von Erzählungen (Narrativen) heraus: Sie beeinflussen, wie wir Gesellschaft leben, wie wir uns organisieren, wirtschaften, Freizeit gestalten. Gemeinschaft, Wohlstand und Zugehörigkeit definieren. Unsere Bedürfnisse befriedigen. Wir alle konstruieren diese Geschichten, machen sie uns zu eigen. Weben sie weiter. Leider sind wir hierbei sehr selektiv, bevorzugen wir doch Erzählungen, die unser Selbstverständnis stützen und neigen dazu, selbstwertbedrohliche Varianten abzulehnen. Realität, wissenschaftliche Grundannahmen (z.B. Gesetze der Physik), Widersprüche in unserer Wahrnehmung etc. spielen hierbei nur eine Rolle, wenn sie zu unserem Weltbild passen. Auf diese weise sind Narrative überaus resistent gegen Veränderungen.

Die Autorin Becky Chambers hat das Dilemma und die Folgen der unterschiedlichen Erzählungen im dritten Band ihrer Wayfarer-Trilogie verarbeitet. Das folgende Zitat habe ich im englischen Original belassen (Anm. 1):

Our species doesn´t operate by reality. It operates by stories. Cities are a story. Money is a story. Space was a story, once. A king tells us a story about who we are and why we´re great, and that story is enough to make us go kill people who tell a different story. Or maybe the people kill the king because they don´t like his story and have begun to tell themselves a different one. When our planet started dying, our species was so caught up in stories. We had thousands of stories about ourselves…but not enough of us were looking at the reality of things. Once reality caught up with us and we started changing our stories to acknowledge it, it was too late.             

Becky Chambers, Record of a Spaceborn Few

Neben vielen anderen Wissenschaften kann die Psychologie Lösungen aufzeigen, wie man einem zunehmenden Autoritarismus entgegentritt. Eine Gesellschaft fairer, klimagerechter und inklusiver macht. Mit den psychosozialen Folgen der Klimakrise umgeht. Bildungssysteme transformiert. Die Voraussetzungen menschlicher Zufriedenheit schafft (und damit Wohlstand neu definiert). Mit Mythen aufräumt. Veränderungen erfolgreich einleitet. Spaltung und Dualismus überwindet.

Und so stimmt es mich zuversichtlich, wenn ich erlebe, dass viele aus diesem Bereich sehr präsent, regelmäßig und mit unterschiedlichen Schwerpunkten in der Öffentlichkeit vertreten sind. Denn: Erkenntnisse gibt es genug, es mangelt nur an Menschen, die die richtigen Geschichten erzählen und wir ihnen endlich zuhören. Wenn wir das denn wollen.

Anmerkungen:

(1) Übersetzung:

Unsere Spezies orientiert sich nicht an der Realität. Sie funktioniert über Geschichten. Städte sind eine Geschichte. Geld ist eine Geschichte. Der Weltraum war einst eine Geschichte. Ein König erzählt uns eine Geschichte darüber, wer wir sind und warum wir großartig sind, und diese Geschichte reicht aus, um uns dazu zu bringen, Menschen zu töten, die eine andere Geschichte erzählen. Oder vielleicht töten die Leute den König, weil ihnen seine Geschichte nicht gefällt und sie anfangen, sich eine andere zu erzählen. Als unser Planet zu sterben begann, war unsere Spezies voll von Geschichten. Wir hatten Tausende von Geschichten über uns selbst … aber es gab nicht genug von uns, die sich mit der Realität der Dinge befassten. Als die Realität uns einholte und wir begannen, unsere Geschichten zu ändern, um uns anzupassen, war es zu spät.

Becky Chambers, Unter uns die Nacht