{"id":42,"date":"2025-11-13T20:08:00","date_gmt":"2025-11-13T20:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/danielmoelders.de\/?p=42"},"modified":"2026-06-01T11:37:17","modified_gmt":"2026-06-01T09:37:17","slug":"von-fahrraedern-und-maennlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/danielmoelders.de\/?p=42","title":{"rendered":"Von Fahrr\u00e4dern und M\u00e4nnlichkeit"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sind wir nun. Blick nach hinten, sehns\u00fcchtig nach dem, was mal war. Kollektive Wehmut. Unf\u00e4hig, den Blick nach vorne zu richten, das Neue zu akzeptieren, die Zukunft und deren M\u00f6glichkeiten zu umarmen. Fehlender Wille zur Gestaltung von Ver\u00e4nderung, der Schmerz des Verlusts der Sicherheit in gewohnten Strukturen und Ritualen scheint zu gro\u00df. Das Rad der Zeit dreht sich weiter, vergangene und l\u00e4ngst vergessene Geister kommen wieder. Sehenden Auges fahren wir in Richtung dem, was uns trennt und Leid erzeugt. Nennen es alternativlos, \u201eRealpolitik\u201c. Wagen nicht, \u00fcber den Tellerrand zu blicken. Suhlen uns in Selbstgef\u00e4lligkeit und dem Leiden, das wir uns nicht eingestehen wollen\u2026<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mir geht der 28. August diesen Jahres nicht aus dem Kopf. An diesem Tag machte in D\u00fcren die \u201eTour de Verkehrswende\u201c halt, um f\u00fcr eine echte und nachhaltige Wende in er Mobilit\u00e4t zu demonstrieren. Ich stand an diesem Tag auf dem D\u00fcrener Marktplatz, war gespannt, wie sich B\u00fcrgermeister und Politiker (ja, maskulin) der einzelnen Parteien \u00e4u\u00dfern und positionieren w\u00fcrden. Ich hatte damit gerechnet, dass die Meinungen dar\u00fcber, wie wir zuk\u00fcnftig mobil sein wollen, weit auseinandergehen. Unerwartet kam f\u00fcr mich allerdings die Art und Weise, wie gerade der Vertreter der CDU auf die Fragen und Ideen einer Teilnehmerin der Tour reagierte: Die junge Frau wies, eingebettet in eine pers\u00f6nliche Erz\u00e4hlung, auf die Problematik einer verschleppten Mobilit\u00e4tswende hin. Sie zeichnete mit ihren Worten eine f\u00fcr sie w\u00fcnschenswerte Zukunft. Mein Endruck war, dass sie versuchte Verbindung zu den Vertretern der Politik aufzubauen und Verst\u00e4ndnis und Empathie herzustellen. Sie zeigte sich verletzlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Reaktion des CDU-Mannes war f\u00fcr mich gleicherma\u00dfen erwartbar wie erschreckend: Er erhob die Stimme und bezeichnete Ihre Aussagen in einer sehr jovialen Art und Weise als \u201enaiv\u201c. Nutzte die Offenheit und Verletzlichkeit der Teilnehmerin als Mittel zur Abwertung ihrer Forderungen. Die Zukunft werde halt \u201eimmer schneller\u201c und daran m\u00fcsse man sich anpassen. Credo: Das Fahrrad hat in der Stadt keinen Platz mehr, dem Motor der Wirtschaft hat sich nunmal alles unterzuordnen. Wir verwalten lieber als zu gestalten. \u201eRealpolitik\u201c der CDU.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum ich davon schreibe? Zum einen, weil die Bereitschaft f\u00fcr das Einstehen in sozialen und gesellschaftlichen Wandel schwieriger wird und ich das f\u00fcr sehr problematisch halte. Die Menschen, die sich f\u00fcr Wandel einsetzen, werden m\u00fcde. Zu viele Jahre wurden die Stimmen der Demonstrierenden ignoriert. Wenn sie dann doch geh\u00f6rt wurden, dann wurden sie mit Absichtserkl\u00e4rungen, Planungen oder Versprechungen abgespeist. Das quasi-religi\u00f6se Festhalten an wirtschaftlichen, kapitalistischen Notwendigkeiten blendet reale und wissenschaftlich haltbare Erkenntnisse aus. Schlimmer noch: bek\u00e4mpft sie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zunehmende Ern\u00fcchterung \u00fcber ausbleibenden Fortschritt auf verschiedenen Ebenen betrifft sicher nicht nur den ADFC. Fridays for future, Demos gegen Rechts und andere: \u00dcberall gehen weniger Menschen auf die Stra\u00dfe und stehen gemeinsam f\u00fcr Ver\u00e4nderung ein. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Teilnahme an einer Fridays-Demo: wir waren zehntausende. Gleiches Anfang 2024 in K\u00f6ln gegen rechte Ideologie: zenhtausende. L\u00fctzerath: zehntausende. Und heute? FFF f\u00fcllt in K\u00f6ln nichtmal mehr den Heumarkt. In D\u00fcren sind es zur Critical Mass oft weniger als 15 Teilnehmer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der zweite Punkt, und hier sehe ich die Ursache der ganzen Problematik, sind m\u00e4nnlich gepr\u00e4gte Strukturen. Dabei geht es weniger um das biologische Geschlecht, als vielmehr um die Bedingungen, unter denen wir aufwachsen und deren Werte, Rollenbilder und Narrative wir schon in unserer fr\u00fchen Kindheit \u00fcbernehmen. Durch Erziehung und Beobachtung. Bei unseren Eltern, Peers, in Schulen und im weiteren Verlauf unseres Lebens in Beziehungen, Organisationen, Verwaltungen, Politik. Eigentlich im gesamten gesellschaftlichen Leben. Ohne einen Abriss \u00fcber das Thema \u201ePatriarchat\u201c schreiben zu wollen, m\u00f6chte ich trotzdem einzelne mir wichtige Punkte des Themas skizzieren. Zun\u00e4chst:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eI can say for certain that we are hardwired for connection \u2013 emotionally, physically, and spiritually.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>schreibt Bren\u00e9 Brown in Ihrem Buch \u201eDaring Greatly\u201c. Und weiter:<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eConnection is the energy that is created between people when they feel seen, heard, and valued; when they can give and receive without judgment.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Sichtweise, die mich aktuell tief bewegt und pr\u00e4gt. Das Gef\u00fchl gesehen und geh\u00f6rt zu werden, Wertsch\u00e4tzung zu erfahren und zu zeigen. Zu Geben und zu Nehmen ohne Wertung. Sprich: Den Mensch und dessen \u201eSein\u201c im Fokus haben. Zentrale Bed\u00fcrfnisse des Menschen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was hei\u00dft das nun in unserem Kontext? Vielleicht ahnt man es schon: Die Auseinandersetzung zwischen der Aktivistin und dem Politiker ist vieles, aber eben nicht \u201eVerbindung\u201c. Das \u201eAbkanzeln\u201c seitens des Vertreters der CDU ist der (verzweifelte?) Versuch, die Diskussion zu kontrollieren und vor Allem: zu dominieren. Und hier sind wir bei dem, was ich mit \u201em\u00e4nnlich gepr\u00e4gt\u201c versuche zu beschreiben: <strong>M\u00e4nnlich sozialisierte Wesen neigen dazu, Verbindung mit Dominanz und Kontrolle zu verwechseln<\/strong> (die gro\u00dfartige Bell Hooks hat u. A. zu diesem Thema ein ganzes Buch gewidmet). Und so bau(t)en wir auch die Strukturen um uns herum. Ein Blick in die Politik reicht vollkommen: Demonstrative H\u00e4rte und St\u00e4rke, gest\u00fctzt durch hierarchische Strukturen, durch die Machtverh\u00e4ltnisse legitimiert und zementiert werden, bestimmen den Alltag. Sie dienen nicht der Verbindung, sondern der Kontrolle. Sch\u00fctzen nicht die Interessen derer, die verwaltet werden, sondern dienen zuallererst den Menschen, die die Macht innehalten. Als Mittel des Machterhalts dienen z. B. Besch\u00e4mung, Schuld, Blo\u00dfstellung. Das Gegenteil von Verbindung. Menschen sollen und m\u00fcssen in dieser Logik &#8222;kontrolliert&#8220; werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was bedeutet das nun, h\u00e4tte man die Diskussion auf dem Marktplatz anders f\u00fchren k\u00f6nnen? Ich denke ja. Der Vertreter der CDU h\u00e4tte auf die Bed\u00fcrfnisse und Vorstellungen empathisch eingehen k\u00f6nnen. Die gezeigte Verletzlichkeit erwidern, statt als Angriffsziel zu benutzen. \u201eIch sehe, dass wir ein Problem haben. Ich verstehe ihr Anliegen und halte ihre Sichtweise und Forderungen f\u00fcr konstruktiv und legitim\u201c. Er kann dann trotzdem bei seiner Meinung bleiben, vermittelt aber: Ich sehe dich. Ich h\u00f6re dir zu. Deine Ansichten sind mir nicht egal. L\u00e4dt vielleicht zu weiteren Gespr\u00e4chen ein, vermittelt transparent, wie und weshalb er zu seiner Position steht. Ein Konstruktiver Austausch auf Augenh\u00f6he.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr diesen Austausch braucht es Offenheit und Transparenz, die ohne Vertrauen nicht gedeihen k\u00f6nnen. Und den Mut zur Verletzlichkeit, den die Teilnehmerin der Demo bewiesen hat. Das Zeichnen von w\u00fcnschenswerten Zuk\u00fcnften, das Teilen von Geschichten, die uns inspirieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nochmal Bren\u00e9 Brown: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vulnerability is not knowing victory or defeat, it`s understaning the necessity of both; it`s engaging. It`s being all in.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Emotionale Reife hei\u00dft eben auch, sich seiner eigenen Verletzlichkeit bewusst zu sein. Sich als Mensch mit eigenen Bed\u00fcrfnissen, Werten und Sehns\u00fcchten zu zeigen, ohne zu wissen, was darauf folgt. Und ja: Ich bin der festen \u00dcberzeugung, das viele weiblich sozialisierte Wesen dies deutlich besser beherrschen als ihre m\u00e4nnlichen gepr\u00e4gten Counterparts. Hier haben wir als M\u00e4nner deutlich Nachholbedarf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">P. S.: Ich schreibe hier kurz und knapp meine Meinung nieder und vermische viele Bereiche. Die Themen M\u00e4nnlichkeit, Verletzlichkeit, Verbindung, Wandel, etc. sind extrem vielschichtig und komplex und k\u00f6nnen unm\u00f6glich umfassend in einem Blogbeitrag abgehandelt werden. Auch ich stehe hier am Beginn einer Reise, die mir bisher schon die eine oder andere \u201eWelt\u201c ge\u00f6ffnet hat. Wen diese Themen interessieren, f\u00fcr die oder den habe ich ein kleines Literaturverzeichnis ans Ende dieses Artikels gestellt. In diesen B\u00fcchern schreiben Menschen, die sich bereits seit vielen Jahren und aus unterschiedlichsten Perspektiven mit diesen Themen besch\u00e4ftigen. Viel Spa\u00df beim St\u00f6bern!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">P. S. S.: Eine sehr eindr\u00fcckliche Erfahrung war f\u00fcr mich eine Fortbildung meines damaligen Arbeitgebers zum Thema &#8222;toxische M\u00e4nnlichkeit&#8220;. Von \u00fcber 1300 Mitarbeitenden nahmen aber leider nur 3 m\u00e4nnlich gelesene Personen teil. Dies zeigt f\u00fcr mich eindr\u00fccklich sowohl das mangelnde Interesse von M\u00e4nnern an der Auseinandersetzung mit eigenen Mustern, als auch den massiven Nachholbedarf, gerade in m\u00e4nnlichen gepr\u00e4gten Kreisen. Bei Interesse sei auf das &#8222;Institut f\u00fcr kritische M\u00e4nnerforschung&#8220; verwiesen, auf Instagram aktiv ist der Dozent Christoph May.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Brown, Bren\u00e9: Daring greatly. ISBN: 978-0241257401. Auch auf Deutsch erh\u00e4ltlich. Themen: Verletzlichkeit, Scham, Schuld, Verbindung, Zugeh\u00f6rigkeit und deren Abwehrmechanismen. F\u00fchrung in Familien und Organisationen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chambers, Becky: A psalm for the wild built. ISBN 978-1250326210. Roman. Spielt in einer Welt, die den unvermeidlichen Wandel durchlebt hat, hin zu einer optimistischen Zukunft<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Chambers, Becky: A prayer for the crown shy. ISBN 978-1250236234. Forsetzung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fallwickl, Mareike: Die Wut, die bleibt. ISBN: 978-3499009129. Roman. Aus weiblicher Sicht zu Gesellschaft und Care-Arbeit. Mein Einstieg ins Thema.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fromm, Erich: Die Kunst des Liebens. ISBN: 978-3717540328. Sichtweisen eines der wohl bekanntesten Psychoanalyktikern<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hooks, Bell: The will to change. Men, masculinity and Love. ISBN: 978-1668095980. Auch auf Deutsch erh\u00e4ltlich. Hooks beschreibt nicht zuletzt die vielfach zu beobachtende typisch m\u00e4nnliche Abspaltung von Emotionen und die damit einhergehende fehlende emotionale Erreichbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hooks, Bell: all about love. ISBN: 978-0060959470. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">St\u00f6cker, Christian. M\u00e4nner, die die Welt verbrennen. ISBN: 978-3550202827. \u00dcber Hintergr\u00fcnde innerhalb m\u00e4nnlich dominierter, fossiler Systeme<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Urner, Maren: Radikal emotional. ISBN: 978-3426447765. Themen emotionale Reife und die Einsicht, dass sich Emotionen nicht von Rationalit\u00e4t und Politik trennen lassen<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wiedemann, Carolin: Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats. ISBN: 978-3957579492<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da sind wir nun. Blick nach hinten, sehns\u00fcchtig nach dem, was mal war. Kollektive Wehmut. Unf\u00e4hig, den Blick nach vorne zu richten, das Neue zu akzeptieren, die Zukunft und deren M\u00f6glichkeiten zu umarmen. Fehlender Wille zur Gestaltung von Ver\u00e4nderung, der Schmerz des Verlusts der Sicherheit in gewohnten Strukturen und Ritualen scheint zu gro\u00df. 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