{"id":40,"date":"2025-09-16T20:07:00","date_gmt":"2025-09-16T20:07:00","guid":{"rendered":"https:\/\/danielmoelders.de\/?p=40"},"modified":"2026-05-30T13:08:40","modified_gmt":"2026-05-30T11:08:40","slug":"worauf-warten-wir-eigentlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/danielmoelders.de\/?p=40","title":{"rendered":"Worauf warten wir eigentlich?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ratlosigkeit. Die Ausz\u00e4hlung ist gelaufen, die meisten Wahllokale sind mit der Ausz\u00e4hlung der Stimmen fertig. Jetzt ist Zeit, den Tag zu reflektieren. Die ersten Ergebnisse trudeln \u00fcber die Seiten des Kreises D\u00fcren und der Gemeinde H\u00fcrtgenwald ein. Die AfD eilt zu neuen H\u00f6chstst\u00e4nden, selbst bei Kommunalwahlen in NRW. Ich bin mehr als ratlos, mittlerweile macht sich eine diffuse Angst breit. Wohin f\u00fchrt das? Was mache ich, machen wir jetzt? R\u00fcckzug? Achselzucken? Pessimismus? Keine Option, da zu passiv. Denn unter der Verunsicherung lebt ein anderes Gef\u00fchl, das aktiviert: Wut. Und die will gerichtet und kultiviert werden (dazu sp\u00e4ter mehr)\u2026<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe die Kopfh\u00f6rer auf. Es l\u00e4uft \u201eEye in the sky\u201c im Extended Club Mix auf Dauerschleife. In diesem Moment, als ich beginne zu schreiben, kurz vor 22 Uhr einfach perfekt. Ich sitze am Notebook. Ein Lenovo X230, Baujahr 2013. Die Garantie ist l\u00e4ngst abgelaufen, der CPU-L\u00fcfter macht Ger\u00e4usche, die Tastatur gl\u00e4nzt. Windows 10, Microsoft hat den Support aufgek\u00fcndigt. Windows 11 wird nat\u00fcrlich nicht unterst\u00fctzt. Eine Unversch\u00e4mtheit, schlie\u00dflich erledigt das Ger\u00e4t seinen Dienst vortrefflich. So what? WiFi 6 nachger\u00fcstet, SSD eingebaut. Bald kommt Linux drauf. Ciao Weltkonzern, ohne mich. Denn: Eigentlich will ich nichts Neues. Erinnerungen, die andere vielleicht an ihr Auto haben, verbinde ich mit meinem Laptop. Hier habe ich meine Bachelor-Thesis in Psychologie geschrieben, das Teil war \u00fcber 7 Monate mit auf Weltreise. Ein treuer Begleiter\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die wuchtigen HiFi-Boxen im Wohnzimmer: Die hat mein Vater Jahre vor meiner Geburt gebaut, ich habe sie mit meinem Sohn zusammen restauriert. Ein Familienprojekt. Kein Konzern hat seit den 70ern mehr etwas daran verdient. Backofen reparieren, Fahrrad instandhalten und intensiv nutzen&#8230;meine Form des Widerstands in einer Gesellschaft die verlernt hat, die Bed\u00fcrfnisse der Menschen im Fokus zu behalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum ich das schreibe? Weil die Nutzung von Gegenst\u00e4nden \u00fcber ihre gedachte Lebensdauer hinaus meine pers\u00f6nliche Form der Reaktanz ist, dieser kindlich w\u00fctende Trotz, der aufkommt, wenn man versucht mir vorzuschreiben, wie ich zu sein oder zu leben habe. Was und wie ich zu konsumieren habe. Ich traf vor vielen Jahren einen Menschen in einer IT-Abteilung, der sich strikt weigerte seine Uhr auf Sommerzeit umzustellen. Er empfand das als Bevormundung. Echauffierte sich regelrecht. Ja und? Geschadet hat die Person niemandem. Und hier ist der zentrale Unterschied zwischen Wut und offener, unkontrollierter Aggression: Wut kann ich, wenn ich das Gef\u00fchl beobachte, es sp\u00fcre, mich reflektiere, konstruktiv nutzen. Ohne meinem Gegen\u00fcber und Anderen zu schaden. Im Gegenteil: Ich kann Wut als Motor, als Antrieb nutzen. Zu notwendiger Ver\u00e4nderung, um mich mit meinen Werten in Einklang zu bringen. \u201eDie Wut die bleibt\u201c ist der Titel eines Buches von Mareike Fallwickl. Tief beeindruckt las ich aus einer Welt, die ich so nicht kannte, aber fr\u00fcher h\u00e4tte kennen sollen. Ein Buch, das mich, gerade auch in meiner Auseinandersetzung mit dem Gef\u00fchl der Wut, ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin ratlos und w\u00fctend auf ein System, dass Erwirtschaftung von Gewinnen als Selbstzweck und oberstes Ziel eines jeden Individuums proklamiert, dass sich in dieser Logik als erfolgreich beschreiben darf. Wachstum \u00fcber Erhalt, Konkurrenz \u00fcber Empathie und Mitgef\u00fchl. Dominanz \u00fcber Verbundenheit. \u201eErfolg\u201c als Legitimation f\u00fcr Herrschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir sind Hierarchien gewohnt, autorit\u00e4res Verhalten sehen wir allenfalls innerhalb von Familien, im Privaten, als Problem. Wer in Politik und Wirtschaft laut, dominant und selbstsicher seine Position vertritt, wird geh\u00f6rt, oft mit Macht belohnt. \u201eEndlich sagts mal Einer!\u201c h\u00f6rt man Manche sagen. Hat man erstmal die Aufmerksamkeit und oftmals auch die Achtung einer breiten Schicht, k\u00f6nnen (irrationale) \u00c4ngste bedient werden. Angst f\u00fchrt dabei nicht selten zu Hass. Hass als eskalierte Form von Angst (Maren Urner).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Autorit\u00e4t und Dominanz beschr\u00e4nkt auf die Nutzung evolution\u00e4r niederer Strukturen. Daf\u00fcr braucht es keinen Neokortex, das k\u00f6nnen auch Tiere. Unser Vorteil liegt in der F\u00e4higkeit zur Zusammenarbeit, zur <s>Empathie <\/s>Selbstreflexion, wir k\u00f6nnen Zuk\u00fcnfte antizipieren und uns Ziele setzen. Wir d\u00fcrfen uns, wenn wir wollen, auf Augenh\u00f6he begegnen. Die Bed\u00fcrfnisse des anderen anerkennen, gemeinsam nach L\u00f6sungen suchen. Hilfe leisten, unterst\u00fctzen, tr\u00f6sten. Sehen und gesehen werden. Gegenseitigkeit eben, Demokratie im Kleinen. Was w\u00e4ren wir doch f\u00fcr eine Gemeinschaft, wenn sich jedes Mitglied so zeigen d\u00fcrfte, wie es ist. Ohne Angst vor Abwertung, Besch\u00e4mung oder gut gemeinter Ratschl\u00e4ge. Wenn wir unangepasst w\u00e4ren, divers und pluralistisch. Und es w\u00e4re gut so.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber dann gibt es da die AfD, ein rechtsextremer Haufen, der viele von uns verf\u00fchrt. Unsere \u00c4ngste bedient und missbraucht. F\u00fcr den Vorteil weniger, gegen all das, was eine demokratische Gesellschaft und pluralistische Gemeinschaft ausmacht. Ich m\u00f6chte fluchen, brauche ein Ventil. Wir erinnern uns: Wut will gerichtet sein. Auf Demos gegen Rechtsextremismus geht das vorz\u00fcglich. Horn, Trillerpfeife und alles, was Krach macht. Widerstand in Gemeinschaft tut doppelt gut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum schweigen so viele? Ich verstehe es manchmal wirklich nicht. Gerade Eltern und Gro\u00dfeltern sollten zu Tausenden jede Woche auf der Stra\u00dfe sein. Ist das Resignation? \u00dcberforderung? Gleichg\u00fcltigkeit? Unwissenheit, was passieren k\u00f6nnte bzw. wird? Oder doch Ignoranz? Wie sollen Eure Kinder und Enkel denn in Freiheit aufwachsen? Vielleicht ist es mangelnde Vorstellungskraft: Was nicht ist aber sein k\u00f6nnte im Positiven (Utopie) oder Negativen (Dystopie). Wof\u00fcr also? Wogegen denn? Pessimismus und Optimismus sind unangebracht, lassen sie uns doch in Passivit\u00e4t verharren und Verantwortung nicht wahrnehmen. Also hilft nur Handeln. Handeln im Wissen, das es schlimm kommen k\u00f6nnte, aber mit der Hoffnung, dass eine lebenswerte Zukunft m\u00f6glich ist. Und einer Bereitschaft, im Zweifel Verantwortung zu \u00fcbernehmen. F\u00fcr sich und andere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und ja: Die Probleme w\u00e4ren nicht aus der Welt, wenn es keine AfD mehr g\u00e4be. Es w\u00fcrde weiter brodeln. Aber ein Verbot w\u00e4re ein Zeichen, dass gemeinschaftliches Handeln in einer funktionalen Gesellschaft m\u00f6glich ist. Es w\u00fcrde neue Wege des Handelns und Diskutierens erm\u00f6glichen, die Suche nach neuen und besseren Wegen bahnen. Es w\u00e4re ein Anfang. &nbsp;Man k\u00f6nnte wieder die dringenden und nicht nur die gef\u00fchlten Probleme in den Fokus r\u00fccken. Klimakatastrophe, Demografie, Verm\u00f6gensverteilung bzw. -ungleichheit, Rechtsextremismus und Faschismus. Daf\u00fcr fehlt es im Moment an Willen, zu leicht l\u00e4sst man sich vom rechten Rand die Themen diktieren. Wir k\u00f6nnten Narrative entwickeln, wie wir leben wollen. Was m\u00f6glich ist, w\u00fcnschenswert. Auch f\u00fcr nachfolgende Generationen. Und daf\u00fcr braucht es, wie ich glaube, die Kunst: Literatur, Theater, Filme.&nbsp; Eine Kunst, die Fiktionen von Realit\u00e4ten, Gesellschaften, Welten entwirft. Ohne eine Vorstellung, was sein k\u00f6nnte, kann man sich auch nur schwer eine Zukunft au\u00dferhalb der bekannten Logiken vorstellen und verharrt \u201einside the box\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Vorstellung von einer Zukunft ist eine Welt in Verbundenheit. Einer Welt, die nicht auf Konkurrenz, Dominanz, Hierarchien und Machtstrukturen aufgebaut ist. Ja, eine Utopie, aber nicht naiv. Naiv ist der Glaube, es k\u00f6nne so weiter gehen, Wirtschaftswachstum w\u00e4re unendlich, oder es g\u00e4be ein Zur\u00fcck in eine idealisierte Vergangenheit. Die Hoffnung auf eine erstrebenswerte Zukunft gibt mir die Kraft, die ich brauche, um nicht an der realen Welt zu verzweifeln. Vor Jahren begann ich, Erz\u00e4hlungen aus dem Genre des Solarpunk und Hopepunk zu lesen. Science Fiction, aber im Gegensatz zu den Dystopien, die ich bis dahin las, in Welten, die ein optimistisches Bild zeichnen, worin Empathie gefeiert wird. Die Autorin Becky Chambers ist untrennbar mit dem Genre verbunden. Grandios ihre Geschichten und die darin beschriebenen Welten. Voller Hoffnung und Verbundenheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine der bekanntesten Reihen von utopischer Science Fiction ist sicher die Welt von Star Trek. Gene Roddenberry hat diese Welt aus einer humanistischen Weltsicht geschaffen, eingebettet in zeitlose Erz\u00e4hlungen, die jeweils abgeschlossen in einzelne Folgen alltagsnahe Themen, Probleme und Dilemmata von Gemeinschaften, Gesellschaften, Politik und zwischenmenschlichen Beziehungen behandeln. Jean-Luc Picard, Benjamin Sisko, Katherine Janeway, Jonathan Archer, Michael Burnham und Christopher Pike d\u00fcrften bis heute Millionen in der Entwicklung ihres moralischen Kompasses unterst\u00fctzt und begleitet haben. L\u00e4sst man sich darauf ein, lernt man viel. Die Psychologin und Publizistin Marina Weisband schrieb unl\u00e4ngst auf Mastodon:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich k\u00f6nnte Nachrichten schauen oder ich k\u00f6nnte DS9 schauen [DS9, Deep Space 9, Star Trek Serie, Anm. d. Verf.]. Habe beschlossen, dass ich aus DS9 mehr lerne<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich (und vielleicht nur f\u00fcr mich) schlie\u00dft sich hier der Kreis: Unsere Welt, die abdriftet ins autorit\u00e4re. In H\u00e4rte, gegen sich selbst und andere. So eine Welt ist f\u00fcr mich nicht erstrebenswert. Ich m\u00f6chte dem etwas entgegenhalten, mit Protest. Mit Widerstand (und daf\u00fcr braucht es Wut). Aber auch mit Empathie und Mitgef\u00fchl, Verbundenheit, Wertsch\u00e4tzung und Toleranz. Vorstellungskraft. Erst im Kleinen, aber immer sichtbar. Ich m\u00f6chte und werde mich nicht verstecken. Meine Haltungen sind klar: Unsere Systeme auf Basis von Konkurrenz und Wettbewerb laufen zu lassen, ist auf Dauer fahrl\u00e4ssig. Steile Hierarchien und autorit\u00e4ren Strukturen untergraben die Bereitschaft, Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Einer der einflussreichsten Psychologen des 20. Jahrhunderts, Stanley Milgram, schrieb hierzu bereits 1974:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">The disappearance of a sense of responsibility is the most far-reaching consequence of submission to authority. [Das Verschwinden eines Verantwortungsgef\u00fchls ist die weitreichendste Konsequenz der Unterwerfung unter Autorit\u00e4t, Anm. d. Verf.]<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der AfD sammeln sich rechtsextreme und autorit\u00e4r denkende Menschen. Aus unz\u00e4hligen \u00c4u\u00dferungen, die Mitglieder der Partei get\u00e4tigt haben, ziehe ich diesen R\u00fcckschluss. Wer diese Partei w\u00e4hlt oder der Meinung ist, man k\u00f6nne konstruktiv mit der Partei zusammenarbeiten, untersch\u00e4tzt entweder massiv die Gefahr und\/oder unterst\u00fctzt deren Ziele. Zum Leid aller, denn: Ist der demokratische Konsens auf Basis des Grundgesetzes erst einmal au\u00dfer Kraft, geht es nur sehr schwer bis gar nicht wieder zur\u00fcck. Die Konsequenzen werden auch und gerade unsere Nachfahren tragen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lasst uns gemeinsam nach ein \u201eWof\u00fcr\u201c suchen. Wof\u00fcr stehe ich? Dagegen zu sein ist einfach. Die Herausforderung entsteht in der Suche nach Neuem und in der Antizipation von Zukunft. Frage Dich, was Du willst. Und warum. Nach welchen Mustern handelst Du? Was treibt Dich an? Was hindert Dich, aktiv zu werden? Letztlich geht es um Verantwortung. Zun\u00e4chst und vor Allem f\u00fcr das Selbst. Die innere Haltung, Deinen Wert. Das eigene Handeln. Und die daraus resultierenden Konsequenzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Worauf warten wir also?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ratlosigkeit. Die Ausz\u00e4hlung ist gelaufen, die meisten Wahllokale sind mit der Ausz\u00e4hlung der Stimmen fertig. Jetzt ist Zeit, den Tag zu reflektieren. Die ersten Ergebnisse trudeln \u00fcber die Seiten des Kreises D\u00fcren und der Gemeinde H\u00fcrtgenwald ein. Die AfD eilt zu neuen H\u00f6chstst\u00e4nden, selbst bei Kommunalwahlen in NRW. 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