{"id":38,"date":"2025-05-22T20:05:00","date_gmt":"2025-05-22T20:05:00","guid":{"rendered":"https:\/\/danielmoelders.de\/?p=38"},"modified":"2026-07-06T21:16:10","modified_gmt":"2026-07-06T19:16:10","slug":"empathie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/danielmoelders.de\/?p=38","title":{"rendered":"Empathie"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Grundlage f\u00fcr unser Zusammenleben. Kooperation, das eigentliche Erfolgsrezept unserer Spezies, w\u00e4re ohne diese F\u00e4higkeit nicht denkbar. Familien, Freundschaften, romantische Beziehungen, diverse Arten prosozialen Verhaltens? G\u00e4be es nicht. Wir h\u00e4tten uns ohne Empathie nie zu Gemeinschaften zusammengeschlossen, Aufgaben geteilt, Systeme geschaffen, die jedem Menschen gleiche M\u00f6glichkeiten zur Teilhabe garantieren. Und dennoch war und ist dieses System nicht perfekt, kann es im Kontext einer Gesellschaft, die Leistung und Wettbewerb in den Vordergrund stellt, nicht sein. Empathie scheint in diesem Narrativ das s\u00fc\u00dfe kleine Geschwisterkind zu sein, das zwar sch\u00fctzenswert ist, letztlich aber im Streit mit den gro\u00dfen Br\u00fcdern meist den K\u00fcrzeren zieht. Erkennen wir den Wert dieses Kindes, dieser F\u00e4higkeit nicht, unterdr\u00fccken wir es gar, wird das f\u00fcr uns und die Welt, in der wir leben, schwerwiegende Folgen haben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber warum? Gibt es \u00fcberhaupt ein Problem? Ich denke ja. Und ich m\u00f6chte hier versuchen darzulegen, warum ich das denke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zun\u00e4chst aber eine g\u00e4ngige Defintion von Empathie, auf die ich mich im Nachfolgenden beziehen werde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Laut Altmann (2001) ist Empathie das<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201e<em>affektive Nachempfinden der vermuteten Emotion eines anderen Lebewesens auf Basis des kognitiven Verstehens dieser Emotion und bei Aufrechterhaltung der Selbst-Andere-Differenzierung. Affektives Nachempfinden beschreibt das innere Erleben von Emotionen, die aktuell nur deswegen aktiv sind, weil das Gegen\u00fcber diese (vermuteten) Emotionen aktuell erlebt. Kognitives Verstehen beschreibt das Erkennen von und die Einsicht in die (vermuteten) Ursachen der Emotionen des Gegen\u00fcbers. Selbst-Andere-Differenzierung besteht, wenn die Empathie ausl\u00f6sende Emotion des Gegen\u00fcbers bewusst als diesem Anderen zugeh\u00f6rig und nicht als genuin eigene Emotion erlebt wird. Empathie wird zumeist als F\u00e4higkeit oder Disposition konzeptualisiert. Der F\u00e4higkeitsaspekt beschreibt, inwieweit eine Person potenziell im Vergleich zu anderen in der Lage ist, Empathie zu erleben, wenn sie dazu aktuell motiviert ist. Der Aspekt der Disposition beschreibt die typische Verhaltenstendenz einer Person im Vergleich zu anderen, im Alltag Empathie zu erleben. Das konkrete Ausma\u00df an Empathie ist neben der individuellen F\u00e4higkeit und Disposition auch von situativen Faktoren wie der eigenen emotionalen Stabilit\u00e4t, der Zuneigung zum Gegen\u00fcber oder der wahrgenommenen \u00c4hnlichkeit mit dem Gegen\u00fcber abh\u00e4ngig.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ekman (2007) unterscheidet zwischen kognitivem Erkennen, was mein Gegen\u00fcber f\u00fchlt und emotionalem Nachempfinden. Erst das Nachempfinden l\u00f6se in uns die Motivation aus, dem Gegen\u00fcber zu helfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Empathie bef\u00e4higt uns, auf die Bed\u00fcrfnisse Anderer ad\u00e4quat, also angemessen zu reagieren. Beispiel: Ein Baby schreit. Mutter und Vater erkennen im Normalfall, ob es Hunger hat, m\u00fcde ist, eine volle Windel hat oder N\u00e4he braucht. &nbsp;Sie nehmen Nuancen im Verhalten des Kindes wahr, verstehen das Bed\u00fcrfnis und sind motiviert, das Kind entsprechend zu versorgen. Also f\u00fcttern, zu Bett bringen, wickeln oder tr\u00f6sten. Manchen Menschen gelingt dieses Erkennen besser, anderen weniger gut. Grundlage f\u00fcr diese Unterschiede ist die Disposition, die Tendenz des Menschen, ein gewisses Verhalten zu zeigen bzw. \u00fcberhaupt zeigen zu k\u00f6nnen. Aber in der obigen Definition wird Empathie auch als F\u00e4higkeit beschrieben, und die ist erlernbar. Empathie k\u00f6nnen wir also durch \u00dcbung st\u00e4rken, oder durch Nichtgebrauch verk\u00fcmmern lassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir k\u00f6nnen uns in gewissem Ma\u00dfe entscheiden, ob wir empathisch sein wollen. Inwieweit wir die Bed\u00fcrfnisse des Gegen\u00fcbers erkennen sollten, wir es f\u00fcr angemessen halten. Ob es uns gerade passt. Unterschiede in dem Ma\u00dfe, wie empathisch wir sein k\u00f6nnen, k\u00f6nnen auch von unserer aktuellen Stimmung oder Belastung abh\u00e4ngig sein. F\u00fchlen wir und gestresst, \u00fcberfordert, m\u00fcde, deprimiert oder ausgelaugt haben wir manchmal nicht die Kapazit\u00e4ten, emphatisch zu sein. Im Gegenzug kann emotionale Stabilit\u00e4t, Zufriedenheit, etc. empathisches Verhalten erleichtern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zudem hilft uns die wahrgenommene \u00c4hnlichkeit mit dem Gegen\u00fcber, mitf\u00fchlend zu sein. Nehmen wir Menschen als wenig \u00e4hnlich wahr, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass wir emphatisch sind. Daniel Batson (Batson, 2016) beschrieb diesen Zusammenhang in der Empathie-Altruismus-Hypothese, worin auch ein positiver Zusammenhang von Empathie mit prosozialem Verhalten postuliert wird. Diese Zusammenh\u00e4nge konnten empirisch belegt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klingt toll, hat aber einen gro\u00dfen Haken: Wir neigen dazu Empathie vor Allem Mitgliedern der Eigengruppe (die wir als \u00e4hnlich wahrnehmen) zuteilwerden zu lassen. Wir helfen zuerst den Menschen im gleichen Ort, Verein, derselben politischen \u00dcberzeugung, gleicher Hautfarbe, etc. Diese Liste lie\u00dfe sich beliebig erweitern, so beliebig wie die Unterscheidungen zwischen Eigen- und Fremdgruppe in unserer Umgebung, Familie, Gesellschaft, politischen Systemen eben sind. Die Auswirkungen dieser oft beliebigen Unterteilung zwischen Eigen- und Fremdgruppe ist in der Psychologie schon lange bekannt. Henri Tajfel (Tajfel, 1996) zeigte, wie Menschen soziale Kategorisierungen vornehmen. Hierzu gen\u00fcgen schon kleinste Unterscheidungsmerkmale zwischen Gruppen, beispielsweise Fahnen unterschiedlicher Farbe (sog. Minimalgruppen-Paradigma). Selbst diese einfache Kategorisierung erleichtert prosoziales Verhalten gegen\u00fcber der Eigen- und antisoziales Verhalten gegen\u00fcber der Fremdgruppe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ahnt man schon, worauf ich hinauswill: Die Funktionsweise von Empathie in Zusammenhang mit Gruppen kann und wird von verschiedenen Akteuren im politischen und gesellschaftlichen Kontext aktiv (miss)braucht. Man denke an Aussagen im \u00f6ffentlichen Diskurs gegen\u00fcber Menschen unterschiedlicher Herkunft, sozialer Leistungsf\u00e4higkeit, psychischen Erkrankungen, M\u00e4nner\/Frauen, Jung\/Alt, \u201eLeistungstr\u00e4ger\u201c und Erwerbslose, etc.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ziel ist es meist, Menschen voneinander abzugrenzen durch ein Unterscheidungsmerkmal, welches den eigenen Zielen und der eigenen Ideologie dienlich ist. So schafft man eine exklusive Eigengruppe, deren Bed\u00fcrfnisse wichtiger sein sollen als die der anderen (Fremdgruppe). Schneidet man Menschen von der Empathie anderer ab, so scheint es auch legitim zu sein, diese abzuwerten, weniger Hilfe zukommen zu lassen und analog Mitglieder der Eigengruppe aufzuwerten. Legitimation von Besser-\/Schlechterstellungaufgrund einer willk\u00fcrlichen Unterscheidung. Kommt Euch bekannt vor? Mal wird es uns bewusst, oft l\u00e4uft dieser Mechanismus sehr subtil ab, was es so perfide macht. Den Betroffenen der Fremdgruppe ist es allerdings stets bewusst. Man denke nur an (Alltags)Rassismus, Ausgrenzung, Stigmatisierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe die Bef\u00fcrchtung, dass die bewusste Trennung der Menschen von der Empathie mittlerweile System hat. Wenn ein CEO eines kriselnden Autobauers Empathie als \u201eselbstm\u00f6rderisch\u201c bezeichnet, mag das noch leichtfertig abgetan werden. Die Verbreitung \u00fcber soziale Medien, der Missbrauch des Begriffs am rechten politischen Rand, das Aufgreifen derartiger Meinungen in der Bev\u00f6lkerung. All das kann ernste Folgen haben. Nicht ein \u201ezu viel\u201c an Empathie ist das Problem. Im Gegenteil. Wir k\u00f6nnen sogar besser unsere eigenen Bed\u00fcrfnisse befriedigen, wenn wir die Bed\u00fcrfnisse des Gegen\u00fcbers erkennen und ernst nehmen. Ein Geben und Nehmen, wir sind soziale Wesen, voneinander abh\u00e4ngig, interdependent.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es beginnt mit Mitgef\u00fchl f\u00fcr uns selbst, ohne welches wir nicht in der Lage sind, empathisch mit dem Gegen\u00fcber zu sein. Ich kann nicht geben, ohne f\u00fcr mich selbst zu sorgen, ohne Zugang zu meinen eigenen Gef\u00fchlen. Ich kann nicht mitf\u00fchlen, wen ich in Stress, Sorgen und N\u00f6ten gefangen bin. Dabei k\u00f6nnen mir Andere helfen, indem sie mit mir mitf\u00fchlen, mich unterst\u00fctzen und umgekehrt. Letztlich helfen wir uns so gegenseitig, sorgen daf\u00fcr, dass auch unsere psychologischen Grundbed\u00fcrfnisse ad\u00e4quat befriedigt werden (je nach Autor: Bindung, Autonomie und Kontrolle, Selbstwert, Lustgewinn\/Unlustvermeidung).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein paar S\u00e4tze zu Geschlechtsstereotypen: Empathie ist keine Sache von Mann oder Frau. Beide Geschlechter sind f\u00e4hig, sehr empathisch zu sein. Wahrgenommene Unterschiede entstehen durch Rollenbilder in den Gesellschaften und beeinflussen uns alle, oft unbewusst. So werden Frauen eher als f\u00fcrsorglich und empathisch gelesen, M\u00e4nner sollen selbstbewusst und durchsetzungsstark sein. Ein Beispiel zur Wirkung von Stereotypen? Kennst Du den Film \u201eFindet Nemo?\u201c Der Clownfisch Marlon, Nemos Vater, soll in einer Szene einen Witz erz\u00e4hlen. Er sei ja schlie\u00dflich ein Clownfisch und die m\u00fcssen lustig sein\u2026 Nicht nur ist Marlon vollkommen untalentiert im Erz\u00e4hlen von Witzen, er f\u00fchlt sich in dieser Situation sichtlich unwohl. In der Psychologie nennt man dieses Ph\u00e4nomen \u201estereotype threat\u201c, stereotypische Bedrohung: Im Film geht es um das Stereotyp des lustigen Clownfisches. Allerdings greift das Konstrukt auch bei den Bildern, die wir zu Geschlechtern in unseren K\u00f6pfen mit uns tragen. Es kann das Gef\u00fchl entstehen, dass man sich selbst verstecken muss, Eigenschaften nicht zeigen darf, die eher dem anderen Geschlecht zugeschrieben werden und als (un)m\u00e4nnlich oder -weiblich gelten. Oder sich daf\u00fcr sch\u00e4mt oder selbst abwertet, gewisse Eigenschaften des eigenen Geschlechts nicht zu haben bzw. nicht zeigen zu k\u00f6nnen oder wollen. Im aktuellen Kontext: Man denke an eine Frau, die sich selbst als nicht empathisch wahrnimmt, aber das Gef\u00fchl hat, es sein zu m\u00fcssen und so tun zu m\u00fcssen als ob. Oder ein Mann, der sich selbst als empathisch wahrnimmt und ohne \u201eEllbogenmentalit\u00e4t\u201c sein Leben f\u00fchren m\u00f6chte, aber der Ansicht ist, diese Seite nicht ausleben zu d\u00fcrfen, ohne dem negativen Urteil anderer ausgesetzt zu sein. &nbsp;Auch hier hilft Empathie, die Sichtweise des anderen zu verstehen, nachvollziehen zu k\u00f6nnen. Und Stereotype, oft gepaart mit abwertenden Vorurteilen, abzubauen bzw. zu entkr\u00e4ften.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wie l\u00e4sst sich Empathie f\u00f6rdern, ausbauen? Zun\u00e4chst lassen sich Gruppengrenzen neu definieren, die Gruppe sollte inklusiver, sprich \u201egr\u00f6\u00dfer\u201c werden. Anstatt von Deutschen, Franzosen, Asiaten, Afrikanern, etc. k\u00f6nnte ich schlicht von \u201eMenschen\u201c reden. Keine Eigen- und Fremdgruppe mehr, Empathie wird erleichtert. Gleiches geht auch im kleineren Rahmen z.B. in Schulen und Klassengemeinschaften. Spreche ich von \u201ewir sind eine Klasse\u201c und nicht von Gr\u00fcppchen A, B und C, betone Gemeinsamkeiten, beuge ich nicht nur Ausgrenzung und Mobbing konsequent vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie noch? Lena und ich waren vor einigen Wochen in Aachen bei einem Vortrag von Katrin Glatz Brubakk, einer Psychotherapeutin, die lange Jahre im Fl\u00fcchtlingslager Moria auf Lesbos Kinder und Familien im Umgang mit den Folgen von Traumata unterst\u00fctzt hat. K\u00fcrzlich war sie in Gaza und hat von den schrecklichen Bedingungen gesprochen, unter denen insbesondere M\u00fctter, Kinder und S\u00e4uglinge zu leiden haben. Sie hat immer wieder versucht, die Perspektive auf die Umst\u00e4nde einzelner Kinder, Helfer und Eltern zu lenken. \u201eStellen Sie sich vor, sie m\u00fcssten\u2026\u201c. Der Perspektivwechsel hat bei den Zuh\u00f6rern gewirkt. L\u00e4sst man sich darauf ein, f\u00fchlt man in gewissem Ma\u00dfe mit (nat\u00fcrlich in Abh\u00e4ngigkeit von der individuellen Disposition). F\u00fchlt die Verzweiflung, den Schmerz, das Leid. Aber auch Hoffnung und Freude, wenn sie mit Bildern, die trotz der entsetzlichen Umst\u00e4nde die W\u00fcrde der Betroffenen wahren, zeigte, wie Kinder wieder anfangen zu lachen, Freude entwickeln, beginnen zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um den Blickwinkel noch etwas zu erweitern: Was hindert uns daran, die Perspektive zu wechseln, uns vorzustellen, wie sich das eigene zuk\u00fcnftige Ich oder das der Kinder einmal f\u00fchlen wird? Eine Sicht \u00fcber die Zeit hinweg? Haben wir Empathie mit zuk\u00fcnftigen Generationen? Wie wird es den Kindern einmal gehen, im Angesicht von d\u00fcsteren Zukunftsaussichten mit Konflikten, Kriegen, Klimawandel, zunehmend autorit\u00e4ren Denkmustern in den Gesellschaften? Einer aktuellen Studie im Lancet aus diesem Mai (Baird et al., 2025) zufolge, leidet gerade die junge Generation an den Folgen unserer Lebensweise und d\u00fcsterer Zukunftsaussichten, die Folgen werden f\u00fcr die kommenden Jahre dramatisch sein. Gerade psychische Erkrankungen nehmen massiv zu. Stellen wir uns das einmal vor, was macht das mit uns? Nun kommt es uns vielleicht hart vor, wie wir manchmal mit jungen Menschen ins Gericht gehen: Sie seien faul, wenig belastbar, unflexibel, nicht leistungsorientiert. W\u00fcrden Respekt und Anerkennung vom ersten Tag an im Job erwarten, den m\u00fcsse man sich doch erst verdienen. Oder kennen unsere Kinder ihren eigenen Wert etwa besser als wir selbst? Und w\u00fcnschen sich, als Mensch mit Bed\u00fcrfnissen gesehen zu werden, nicht als Mittel zum Zweck f\u00fcr eine Gesellschaft, die den zuk\u00fcnftigen M\u00f6glichkeitsraum nachfolgender Generationen ohne Not immer mehr verkleinert? Der Neurobiologe Gerald H\u00fcther sagte vor einigen Jahren in einem Interview etwas launisch:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eWenn aus allen unseren Schulen tolle junge Leute rausk\u00e4men, die richtig gebildet w\u00e4ren und w\u00fcssten, was sie wollten, m\u00fcssten wir unser Wirtschaftssystem zumachen, weil die brauchen den ganzen Schrott nicht. Das hei\u00dft wir brauchen m\u00f6glichst schlechte Schulen, damit wir gen\u00fcgend Kunden f\u00fcr den M\u00fcll haben, den wir hier ihnen andrehen wollen. Das geht bis in die Politik (\u2026)\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich denke, es ist so: Wir erziehen unsere Kinder meist in dem Sinne, dass ihre Bed\u00fcrfnisse z\u00e4hlen, wichtig sind und eine Berechtigung haben. Wir sind ihnen gegen\u00fcber empathisch, zumindest so lange, wie sie noch nicht selbstst\u00e4ndig in die Welt hinausgehen. Im Verlauf ihres Erwachsenwerdens werden sie allerdings mit unserer Lebensweise konfrontiert, die implizit das Gegenteil predigt: Leistung, bedingte Wertsch\u00e4tzung, Empathie als Hindernis, Unterordnung der eigenen Bed\u00fcrfnisse unter die W\u00fcnsche anderer. Eingliederung in ein System, das Gehorsam gegen\u00fcber F\u00fchrung, Autorit\u00e4ten fordert. Und im Ergebnis dazu beitr\u00e4gt, dass wir Verantwortung f\u00fcr unser Handeln abgeben (Milgram, 1974).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wollen wir das? Vielleicht versp\u00fcren manche nun ein Unwohlsein. Dass das eigene Handeln nicht mit den eigenen moralischen Werten \u00fcbereinstimmt. Wir erleben (hoffentlich) Dissonanz (Festinger, 1978). Es w\u00fcrde daraus im Idealfall eine Motivation entspringen, am status quo etwas zu \u00e4ndern, das eigene Verhalten an reale Gegebenheiten und Notwendigkeiten im Sinne zuk\u00fcnftiger Generationen anzupassen. Leider kennt Dissonanz auch ein anderes, h\u00e4ufiger verwendetes Reduktionsmuster, das der Verdr\u00e4ngung. So erleben wir aktuell immer wieder, dass unangenehme Themen aus dem \u00f6ffentlichen Diskurs ausgeblendet werden. Wir bet\u00e4uben uns, z.B. mit (\u00dcber)-konsum. Wir f\u00fchlen uns dann zwar (kurzfristig) besser, langfristig ist diese Strategie allerdings f\u00fcr uns und andere hochgradig dysfunktional. Lasse ich die unangenehmen Gef\u00fchle allerdings zu, stelle ich mich ehrlich dem Perspektivwechsel, kann ich nur gewinnen. Es werden kognitive Kapazit\u00e4ten frei, die ich bisher oftmals f\u00fcr ein Leben in einer Normalit\u00e4tssimulation (Urner, 2024) genutzt habe, nur um mich zu beruhigen. Ich werde empathischer mit mir selbst, baue Schutzmechanismen, die viel Energie verbrauchen, ab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier m\u00f6chte ich nun enden. Das Thema ist f\u00fcr mich so bedeutungsvoll, vielschichtig, komplex und von zentraler Wichtigkeit, dass ich unm\u00f6glich alles aufschreiben kann, was mir dazu durch den Kopf geht. Wer w\u00fcrde das auch lesen wollen? \ud83d\ude09<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Versteht diesen Text als eine mehr oder weniger lose und unvollst\u00e4ndige Gedankensammlung im Sinne eines \u201eDigital Gardening\u201c. Vielleicht f\u00fchlt sich jemand davon angesprochen\u2026es w\u00fcrde mich freuen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine kleine und einfache Faustregel f\u00fcr eine erste Bewertung politischer und gesellschaftlicher Sichtweisen, die sich zumindest f\u00fcr mich bew\u00e4hrt hat: Versuchen Akteure Gruppengrenzen exklusiver zu gestalten oder neue kleinere Gruppen zu definieren, so dass weniger Menschen zur Eigengruppe geh\u00f6ren, stimmt etwas nicht. Sei vorsichtig. Widerspreche. Denn das Ziel ist meist, Empathie zu unterbinden, da sie den Zielen des Akteurs zuwiderl\u00e4uft. Wo Mitgef\u00fchl als Makel, als Hindernis gesehen wird, da will ich nicht sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In diesem Sinne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-custom-css wp-custom-css-afc35941 wp-block-paragraph\">Altmann, T. (2021). <em>Empathie im Dorsch Lexikon der Psychologie<\/em>. https:\/\/dorsch.hogrefe.com\/stichwort\/empathie<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-custom-css wp-custom-css-b46aec76 wp-block-paragraph\">Baird, S., Choonara, S., Azzopardi, P. S., Banati, P., Bessant, J., Biermann, O., Capon, A., Claeson, M., Collins, P. Y., De Wet-Billings, N., Dogra, S., Dong, Y., Francis, K. L., Gebrekristos, L. T., Groves, A. K., Hay, S. I., Imbago-J\u00e1come, D., Jenkins, A. P., Kabiru, C. W., \u2026 Viner, R. M. (2025). A call to action: The second <em>Lancet<\/em> Commission on adolescent health and wellbeing. <em>The Lancet<\/em>. https:\/\/doi.org\/10.1016\/S0140-6736(25)00503-3<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-custom-css wp-custom-css-3bca482d wp-block-paragraph\">Batson, C. D. (2016). Empathy and Altruism. In <em>The Oxford Handbook of Hypo-egoic Phenomena<\/em>. Oxford University Press. https:\/\/doi.org\/10.1093\/oxfordhb\/9780199328079.013.11<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-custom-css wp-custom-css-b0b60a8b wp-block-paragraph\">Ekman, Paul. (2007). <em>Gef\u00fchle lesen: Wie Sie Emotionen erkennen und richtig interpretieren<\/em> (1. Aufl., [Nachdr.]). Elsevier, Spektrum Akad. Verl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-custom-css wp-custom-css-7be96271 wp-block-paragraph\">Festinger, Leon. (1978). <em>Theorie der kognitiven Dissonanz<\/em>. Huber. {https:\/\/digitale-objekte.hbz-nrw.de\/storage\/2009\/10\/25\/file_10\/3269305.pdf}<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-custom-css wp-custom-css-9d78e8b6 wp-block-paragraph\">Milgram, Stanley. (1974). <em>Das Milgram-Experiment: Zur Gehorsamsbereitschaft gegen\u00fcber Autorit\u00e4t<\/em> (1.-8. Tsd.). Rowohlt. {https:\/\/digitale-objekte.hbz-nrw.de\/storage2\/2021\/08\/07\/file_1\/9055436.pdf}<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-custom-css wp-custom-css-bd183bfa wp-block-paragraph\">Tajfel, Henri. (1996). <em>The Minimal Group Studies<\/em>. https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-1-349-24483-6_11<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-custom-css wp-custom-css-c0644d42 wp-block-paragraph\">Urner, Maren and Verlag, Droemer. (2024). <em>Radikal emotional: Wie Gef\u00fchle Politik machen<\/em>. {http:\/\/deposit.dnb.de\/cgi-bin\/dokserv?id=c891d990fa1348bdbc19634671339e0a&amp;prov=M&amp;dok_var=1&amp;dok_ext=htm; http:\/\/bvbr.bib-bvb.de:8991\/F?func=service&amp;doc_library=BVB01&amp;local_base=BVB01&amp;doc_number=035013936&amp;sequence=000001&amp;line_number=0001&amp;func_code=DB_RECORDS&amp;service_type=MEDIA}<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Grundlage f\u00fcr unser Zusammenleben. Kooperation, das eigentliche Erfolgsrezept unserer Spezies, w\u00e4re ohne diese F\u00e4higkeit nicht denkbar. Familien, Freundschaften, romantische Beziehungen, diverse Arten prosozialen Verhaltens? G\u00e4be es nicht. Wir h\u00e4tten uns ohne Empathie nie zu Gemeinschaften zusammengeschlossen, Aufgaben geteilt, Systeme geschaffen, die jedem Menschen gleiche M\u00f6glichkeiten zur Teilhabe garantieren. 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