{"id":32,"date":"2024-04-25T19:51:00","date_gmt":"2024-04-25T19:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/danielmoelders.de\/?p=32"},"modified":"2026-06-01T11:52:52","modified_gmt":"2026-06-01T09:52:52","slug":"viele-fragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/danielmoelders.de\/?p=32","title":{"rendered":"Viele Fragen\u2026"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u2026und nur vereinzelt Antworten. Zukunft. Erz\u00e4hlungen. Ideologien. Deutungshoheit. Wohin soll das f\u00fchren? Eine Frage, die ich mir in der letzten Zeit oft stelle. Begleitet manchmal von Wut, Angst, Verzweiflung. Aber auch Zuversicht und Hoffnung. Schuld.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum das? Wieso schreibe ich (\u00f6ffentlich)? Einfach so? Vermutlich. Oder auch nicht.  Vielleicht finden sich Menschen, denen es \u00e4hnlich geht. Menschen, die verstehen und nachvollziehen wollen. Unvoreingenommen sind\u2026 (bin ich das denn \u00fcberhaupt?)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Zeiten sind schnell und gleichzeitig auch langsam. Ver\u00e4nderung und Besitzstandswahrung schreien sich gegenseitig ins Gesicht. Und es passiert: Nichts. Ein Schritt vor, einer zur\u00fcck. Gegenfragen statt argumentieren. Alles auf Anfang. Sind wir unseren Kindern in Zeiten multipler Krisen nicht mehr schuldig? Wenigstens der Versuch einer l\u00f6sungsorientierten Diskussion?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kleines Beispiel: Die Demonstrationen gegen die AfD in den vergangenen Monaten. Fanden alle richtigerweise ganz wichtig und toll, zivilgesellschaftlich ein Zeichen setzen. Und was sind die Konsequenzen, au\u00dfer dass die Proteste nachgelassen haben? Eben. Mit den Diskussionen rund um Klimakatastrophe, Verkehrswende und Bildung sieht es nicht anders aus\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie wollen wir zuk\u00fcnftig weiter in einer Gesellschaft leben? Was ist mit den immer dr\u00e4ngender werdenden Fragen und Herausforderungen der Zukunft? Haben wir darauf eine Antwort, jenseits des \u201eweiter so\u201c? Die junge Generation, also diejenigen, die das, was wir gerade verbocken, einmal ausbaden m\u00fcssen, resignieren. Werden krank. Unsere Kinder. Wir laden Schuld auf uns. Wie wird die Geschichte einmal auf diese Zeit zur\u00fcckblicken?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">H\u00f6ren wir noch auf die richtigen Menschen? Und auf wen h\u00f6ren wir da \u00fcberhaupt? Meist doch auf diejenigen, die selbstbewusst und laut die eigene Meinung vertreten. Macht, Geld und Status haben. Denn es ist doch so: wer selbstsicher und \u201etypisch m\u00e4nnlich\u201c auftritt, dessen Wort hat mehr Gewicht. Beeindruckt und wirkt auf uns. Unabh\u00e4ngig von (Fach-)Wissen und Expertise der Person. Sollten wir nicht viel mehr denen zuh\u00f6ren, die sich mit den Fragen der Zeit auf m\u00f6glichst rationaler Ebene besch\u00e4ftigen? Sich intensiv damit auseinandersetzen? Antworten haben, die nachpr\u00fcfbar entstanden sind, anstatt reichweitenstarker Meinungen? Und den ruhigen Stimmen mehr Gewicht geben?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt sie, diese Menschen: in den verschiedensten Wissenschaften haben Sie sich mit den Problemen und Herausforderungen der Zukunft und m\u00f6glicher L\u00f6sungen auseinandergesetzt. Wege aufgezeigt. Und irgendwie\u2026scheint es egal zu sein. Mehr noch: Oft werden sie abgewertet, man f\u00e4llt Ihnen ins Wort. Unterstellt ihnen gesteuerte Absichten oder \u201eIdeologie\u201c. Oder belehrt, typisch m\u00e4nnlich herablassend, wenn eine Wissenschaftlerin ihren Standpunkt vertritt. Dann ist wieder Ruhe. Kollektive Dissonanzreduktion. Hauptsache, wir k\u00f6nnen unsere Normalit\u00e4tssimulation weiterleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Psychologe Bruce Poulsen schrieb 2018: \u201eClimate change is a psychological crisis, whatever else it is.\u201c. Er meint damit nicht nur die Folgen der Klimakrise auf unsere (psychische) Gesundheit, sondern bezieht sich u. A. auch auf unser Handeln im Umgang mit Erkenntnissen im Rahmen der Klimakrise und der daraus wahrgenommenen Bedrohung f\u00fcr unser Selbstbild. Erkenntnisse, die Ver\u00e4nderungen einfordern. Scheinbar den eigenen Lebenslauf in Frage stellen. Und da kommt der gro\u00dfe Gegner der Ver\u00e4nderung: Die Reaktanz. Befeuert von der Angst, etwas zu verlieren, lieb gewonnene Gewohnheiten aufgeben zu m\u00fcssen, scheint sie unbesiegbar. Erstickt den Diskurs im Keim. Ver\u00e4nderung, nein danke. L\u00f6sung? Ich habe keine\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anders die vielen Mutigen, die sich aus dem wissenschaftlichen Kokon heraustrauen, mitgestalten wollen. Versuchen ihre Profession und Erkenntnisse der \u00d6ffentlichkeit n\u00e4her zu bringen und L\u00f6sungen zu pr\u00e4sentieren, die, na klar, Ver\u00e4nderungen bedingen. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und setzen sich der Gefahr aus, im \u00f6ffentlichen Diskurs zerrieben zu werden. Ich bewundere diese Menschen, haben sie doch eines geschafft, an dem ich fast t\u00e4glich scheitere: Sie sind ins Handeln gekommen, versuchen etwas zu bewirken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Dezember 2023, am Rande des 37. Chaos Communication Congress, interviewte Tilo Jung im Rahmen seines Formats \u201eJung und naiv\u201c die Polit\u00f6konomin und Transformationsforscherin Maja G\u00f6pel. Er sprach sie auf die multiplen Krisen und Herausforderungen an, ob sie hierbei nicht ihre Zuversicht verlieren w\u00fcrde. Er hat es \u00fcber Minuten wirklich versucht, ihr eine launische Bemerkung, einen Funken Resignation zu entlocken\u2026und ist gescheitert. Ihre Erwiderung, was denn die Alternative zur Zuversicht sei, hallt bei mir nach. Ihre Zuversicht m\u00f6chte man ihr abnehmen, ist bewundernswert und herausfordernd zugleich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diejenigen, die nach L\u00f6sungen suchen, heben immer wieder die Bedeutung von Erz\u00e4hlungen (Narrativen) heraus: Sie beeinflussen, wie wir Gesellschaft leben, wie wir uns organisieren, wirtschaften, Freizeit gestalten. Gemeinschaft, Wohlstand und Zugeh\u00f6rigkeit definieren. Unsere Bed\u00fcrfnisse befriedigen. Wir alle konstruieren diese Geschichten, machen sie uns zu eigen. Weben sie weiter. Leider sind wir hierbei sehr selektiv, bevorzugen wir doch Erz\u00e4hlungen, die unser Selbstverst\u00e4ndnis st\u00fctzen und neigen dazu, selbstwertbedrohliche Varianten abzulehnen. Realit\u00e4t, wissenschaftliche Grundannahmen (z.B. Gesetze der Physik), Widerspr\u00fcche in unserer Wahrnehmung etc. spielen hierbei nur eine Rolle, wenn sie zu unserem Weltbild passen. Auf diese weise sind Narrative \u00fcberaus resistent gegen Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Autorin Becky Chambers hat das Dilemma und die Folgen der unterschiedlichen Erz\u00e4hlungen im dritten Band ihrer Wayfarer-Trilogie verarbeitet. Das folgende Zitat habe ich im englischen Original belassen (Anm. 1):<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Our species doesn\u00b4t operate by reality. It operates by stories. Cities are a story. Money is a story. Space was a story, once. A king tells us a story about who we are and why we\u00b4re great, and that story is enough to make us go kill people who tell a different story. Or maybe the people kill the king because they don\u00b4t like his story and have begun to tell themselves a different one. When our planet started dying, our species was so caught up in stories. We had thousands of stories about ourselves\u2026but not enough of us were looking at the reality of things. Once reality caught up with us and we started changing our stories to acknowledge it, it was too late.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n<cite>Becky Chambers, Record of a Spaceborn Few<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Neben vielen anderen Wissenschaften kann die Psychologie L\u00f6sungen aufzeigen, wie man einem zunehmenden Autoritarismus entgegentritt. Eine Gesellschaft fairer, klimagerechter und inklusiver macht. Mit den psychosozialen Folgen der Klimakrise umgeht. Bildungssysteme transformiert. Die Voraussetzungen menschlicher Zufriedenheit schafft (und damit Wohlstand neu definiert). Mit Mythen aufr\u00e4umt. Ver\u00e4nderungen erfolgreich einleitet. Spaltung und Dualismus \u00fcberwindet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so stimmt es mich zuversichtlich, wenn ich erlebe, dass viele aus diesem Bereich sehr pr\u00e4sent, regelm\u00e4\u00dfig und mit unterschiedlichen Schwerpunkten in der \u00d6ffentlichkeit vertreten sind. Denn: Erkenntnisse gibt es genug, es mangelt nur an Menschen, die die richtigen Geschichten erz\u00e4hlen und wir ihnen endlich zuh\u00f6ren. Wenn wir das denn wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anmerkungen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(1) \u00dcbersetzung:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsere Spezies orientiert sich nicht an der Realit\u00e4t. Sie funktioniert \u00fcber Geschichten. St\u00e4dte sind eine Geschichte. Geld ist eine Geschichte. Der Weltraum war einst eine Geschichte. Ein K\u00f6nig erz\u00e4hlt uns eine Geschichte dar\u00fcber, wer wir sind und warum wir gro\u00dfartig sind, und diese Geschichte reicht aus, um uns dazu zu bringen, Menschen zu t\u00f6ten, die eine andere Geschichte erz\u00e4hlen. Oder vielleicht t\u00f6ten die Leute den K\u00f6nig, weil ihnen seine Geschichte nicht gef\u00e4llt und sie anfangen, sich eine andere zu erz\u00e4hlen. Als unser Planet zu sterben begann, war unsere Spezies voll von Geschichten. Wir hatten Tausende von Geschichten \u00fcber uns selbst \u2026 aber es gab nicht genug von uns, die sich mit der Realit\u00e4t der Dinge befassten. Als die Realit\u00e4t uns einholte und wir begannen, unsere Geschichten zu \u00e4ndern, um uns anzupassen, war es zu sp\u00e4t.<\/p>\n<cite>Becky Chambers, Unter uns die Nacht<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026und nur vereinzelt Antworten. Zukunft. Erz\u00e4hlungen. Ideologien. Deutungshoheit. Wohin soll das f\u00fchren? Eine Frage, die ich mir in der letzten Zeit oft stelle. Begleitet manchmal von Wut, Angst, Verzweiflung. Aber auch Zuversicht und Hoffnung. 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