{"id":118,"date":"2026-06-24T22:57:13","date_gmt":"2026-06-24T20:57:13","guid":{"rendered":"https:\/\/danielmoelders.de\/?p=118"},"modified":"2026-07-08T20:46:23","modified_gmt":"2026-07-08T18:46:23","slug":"eigentlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/danielmoelders.de\/?p=118","title":{"rendered":"Eigentlich&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8230;wollte ich eine Fortsetzung zum meinem ersten Teil von &#8222;Kopfsalat&#8220; schreiben. Eigentlich. Aber ich kann gerade nicht, denn die Welt brennt. Eigentlich wollte ich mal so viel. In einer Welt leben, die der Vernunft noch nicht vollends gute Nacht gesagt hat. Schlaf gut, das Licht bleibt jetzt aus. Dich braucht niemand mehr. An Deine Stelle tritt jetzt&#8230;keine Ahnung, der kollektive Wahnsinn? Die Kakophonie des Belanglosen? Ein neues Kapitel von &#8222;Brot und Spiele&#8220;? Ehrlich, ich checks nicht. Der Weltschmerz hat mich mal wieder&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich dachte lange Zeit, ich verstehe meine Mitmenschen. Und ja: manchmal tue ich das. Aber im Ernst? Eigentlich will ich nicht mehr. Ich hab die Schnauze voll von Verst\u00e4ndnis aufbringen, Gr\u00fcnde suchen, wieso und weshalb. Erkl\u00e4rungen f\u00fcr kurzsichtiges und realit\u00e4tsfernes, uns alle gef\u00e4hrdendes Handeln finden. Im Kleinen Wege aufzeigen, aufkl\u00e4ren. Versuchen, Hoffnung zu verbreiten. Das kostet alles so viel Kraft. Ich nehme mich doch bald selbst nicht mehr ernst. Auf der gro\u00dfen B\u00fchne bewerfen sich derweil fragile Kindergarten-Egos mit Dreck und bezeichnen es als St\u00e4rke, ernten Beifall. Rei\u00dfen vieles von dem ein, was in m\u00fchevoller Arbeit \u00fcber Generationen aufgebaut und zu Recht als Errungenschaft bezeichnet wurde. Grundrechte, Gleichstellung von Mann und Frau,  Rechte von Minderheiten, internationale Zusammenarbeit, gesellschaftlicher Ausgleich, Klimaabkommen&#8230;ich k\u00f6nnte kotzen. Wo soll das hinf\u00fchren? Was ist mit den nach uns Nachfolgenden?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin aufgewachsen in dem Glauben, das sich Dinge zum positiven entwickeln. Der Mensch sich entfaltet, Ungerechtigkeiten abschafft und bek\u00e4mpft. Am Ende, in ferner Zukunft, steht dann vielleicht eines Tages eine Form des Zusammenlebens, die frei ist vom Ego. Von der Existenzweise des Habens (Erich Fromm, Haben oder Sein, 1976). Ich glaube immer noch, dass so etwas m\u00f6glich ist. Aber wir legen lieber den R\u00fcckw\u00e4rtsgang ein. Vollgas!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Watte packen l\u00f6st keine Probleme, Egos sch\u00fctzen, gerade jenes von M\u00e4nnern, verhindert Ver\u00e4nderung. Wir sind selbst f\u00fcr uns verantwortlich, in jeder Hinsicht. Und ja: Es sind M\u00e4nner, die die Welt lieber brennen sehen. Aus egozentrischer Gier, aus Machtstreben, was auch immer. Verletzte kleine Egos, die allen ihre &#8222;M\u00e4nnlichkeit&#8220; beweisen m\u00fcssen. Kinder in K\u00f6rpern von Erwachsenen. &#8222;Ich will aber!&#8220;, &#8222;Der hat angefangen!&#8220;. Und damit alle mit in den Abgrund rei\u00dfen. Kriege, Tote, zerst\u00f6rte Biografien, Leben, traumatisierte Familien und Nationen \u00fcber Generationen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber klar, hey! Es geht um die Wirtschaft! Das Geld muss flie\u00dfen. Huldigt dem Mammon! Wer versteht denn nicht, dass sich alles andere unterzuordnen hat? Bist du naiv! Eine Gesellschaft, in der alle, wirklich alle, gleich sind? Unabh\u00e4ngig von Leistung? Vom Geschlecht? Von Hautfarbe und Herkunft? Wer will denn sowas? Klima? Egal, kein Geld. Linksgr\u00fcner Schei\u00df. Lebensgrundlage? Erst Umverteilung nach oben! Die Techbros brauchen mehr&#8230; Gesellschaftlicher Ausgleich? Pah! Kostet den parasit\u00e4ren Geburtsrecht-Nutznie\u00dfern die Dividende, geht nicht. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kann doch alles nicht mehr wahr sein. Wir zerst\u00f6ren unsere Lebensgrundlage, wirklich leugnen kann das niemand mehr. Und tun so, als w\u00e4re nichts. Wir zerst\u00f6ren unsere Demokratien und halten den Brandstiftern auch noch die B\u00fchne. Bewundern den Erfolg derer, die H\u00e4rte als altes, neues Mittel f\u00fcr stabile und erfolgreiche Gesellschaften erachten. Egal, FUSSBALL!!! Immer drauf! Auf die Schwachen, die Bed\u00fcrftigen, die Kranken&#8230;wer Geld hat, hat Macht, hat Recht. Wachstum! Ohne k\u00f6nnen wir uns Menschlichkeit, Generationengerechtigkeit, Empathie und diesen ganzen soften Schei\u00df nicht mehr leisten. Im Ernst: Wir sind so lost&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seinem Buch &#8222;Erziehung pr\u00e4gt Gesinnung&#8220; fragt der Autor Herbert Renz-Polster, wieso wir uns nach dem zweiten Weltkrieg f\u00fcr ein System entschieden haben, das H\u00e4rte \u00fcber Mitgef\u00fchl setzt. Ich w\u00fcrde noch weiter gehen: Wir entscheiden uns, jeden Tag, f\u00fcr Strukturen, die vollkommen au\u00dfer Acht lassen, was uns als Menschen ausmacht. Denn: Wir sind NICHT von &#8222;Grund auf B\u00f6se&#8220;. Wir werden so gemacht. In Familien. In Schulen. In Betrieben, Konzernen und Beh\u00f6rden. M\u00fcssen \u00fcberall nachweisen, dass wir keine egozentrischen und betr\u00fcgerischen kleinen Pisser sind, weil, na klar, die gibt es ja. Lernen fr\u00fch, uns anzupassen, eigene Bed\u00fcrfnisse hinten anzustellen. Uns klein zu machen, Tr\u00e4ume zu begraben, weil, logisch, wir wollen ja lieb und nett sein. Und blo\u00df nicht zu viel wollen. Was sollen denn die anderen denken. Nachbarn, Mitsch\u00fclerInnen, KollegInnen. Alle haben ihren Beitrag zu leisten&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und es f\u00e4ngt fr\u00fch an. Bereits in der Grundschule lernen wir, wo unser Platz ist, was von uns erwartet wird. Wir lernen, uns mit anderen zu vergleichen, statt stolz auf uns und unser Erreichtes, unsere Entwicklung zu sein. Nie gut genug, irgendjemand ist immer besser. Quer- statt L\u00e4ngsschnitt. Gift f\u00fcr die pers\u00f6nliche Entwicklung. Leistung! Pr\u00fcfung! Die Diskussion \u00fcber die Bundesjugendspiele zeigt die Absurdit\u00e4t \u00fcberdeutlich. Als h\u00e4tten wir im Bildungswesen sonst keine Probleme&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr mich zeigt ein <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/ndr_talk_show\/lyrikerin-clara-loesel,ndrtalkshow-426.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Gedicht<\/a> der Lyrikerin Clara L\u00f6sel sehr sch\u00f6n und einf\u00fchlsam, wie sich Anpassung, Vergleich und Scham auf uns auswirken. Wie wir aufh\u00f6ren zu tr\u00e4umen. Und gleichzeitig liegt f\u00fcr mich hier auch eine m\u00f6gliche L\u00f6sung: Wir sollen und d\u00fcrfen uns zur\u00fcck besinnen, was und wer wir sind. Was unsere Werte, unsere Bed\u00fcrfnisse sind. Diese vertreten, danach leben. Uns zeigen, mit unseren Makeln, der Unperfektion, unseren W\u00fcnschen, Tr\u00e4umen und Neigungen. Raus aus der Anpassung. Raus aus dem &#8222;immer weiter so&#8220;, raus aus der H\u00e4rte gegen uns selbst, gegen unsere Mitmenschen. Hinein in das, was uns als Individuen und als Gemeinschaft wirklich zufrieden macht und st\u00e4rkt. Carl Gustav Jung sagte einst:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Welt wird dich fragen, wer du bist, und wenn du es nicht wei\u00dft, wird sie es dir sagen<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nochmal: Raus aus der Anpassung. Wir haben zu fr\u00fch gelernt, wo unser Platz in einer Gesellschaft zu sein hat. Was wir wollen und wie wir leben d\u00fcrfen. Zu fr\u00fch, um es f\u00fcr uns selbst herauszufinden. Und vielleicht hindert uns das, das Erlernte, das Bekannte in seiner Widerspr\u00fcchlichkeit wirklich zu erkennen und zu hinterfragen. Alte Muster. Wir akzeptieren die H\u00e4rte, die uns aus Politik und Wirtschaft entgegenschl\u00e4gt, akzeptieren pr\u00e4sentierte L\u00f6sungen als Notwendigkeiten. Vergessen dabei aber, dass unsere aufgebauten Strukturen, die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Systeme, keineswegs Naturgesetze, sondern menschengemacht und somit ver\u00e4nderbar sind. Das Pochen auf Notwendigkeit, Alternativlosigkeit und Realpolitik ist oft nichts anderes als versteckte Angst. Angst vor Ver\u00e4nderung, vor Verantwortung. Verantwortungsdiffusion wird zum Mittel der Vermeidung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was also tun? Ich wei\u00df es doch auch nicht. Ich kann nur beschreiben, was ich mir w\u00fcnsche. Und f\u00fcr mich ist es der erste Weg zu erkennen, was mich bewegt, was andere bewegt. Ein emotionaler Zugang ist f\u00fcr mich die Musik. Vergangenen Samstag war ich mit Freunden auf einem Konzert der Sportreunde Stiller auf der Festung Ehrenbreitstein. Als diese mittendrin den Titel &#8222;Ich war noch niemals in New York&#8220; von Udo J\u00fcrgens spielten, merkte ich, wie sich etwas in mir bewegte. Die oft versteckten Bed\u00fcrfnisse nach Selbstbestimmung und Freiheit bekamen f\u00fcr ein paar Minuten Raum. Ich glaubte an den Reaktionen der mehreren tausend Menschen zu erkennen, dass es nicht nur mir so ging. Ein kurzer Moment der Resonanz und Verbindung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So etwas kennen wir alle. Vielleicht ist das ein wertvoller Hinweis darauf, was wir uns zutiefst w\u00fcnschen, welche Bed\u00fcrfnisse wir haben, welche Werte wir vertreten (w\u00fcrden). Gehe ich diesen Gedankengang weiter, kann ich zwar sehr abstrakt, aber dennoch klar eine Welt zeichnen, die ich mir f\u00fcr mich, meine Familie und Mitmenschen w\u00fcnsche. Eine offene Welt in Verbindung, auf Augenh\u00f6he mit meinen und unseren Mitmenschen. In Freiheit, in Gleichheit. Eine gerechte Welt, die unterschiedliche Bed\u00fcrfnisse anerkennt und darauf ad\u00e4quat eingehen kann. Eine Welt, die Verantwortung \u00fcbernimmt. Nicht nur f\u00fcr das Jetzt und den kurzfristigen Profit, sondern auch f\u00fcr unsere Zukunft und die der nachfolgenden Generationen. Eine Welt, die Raum l\u00e4sst f\u00fcr individuelle Wege und Entscheidungen, sofern diese die Mitmenschen nicht ausbeuten oder ihnen schaden. Eine Welt, die H\u00e4rte ablehnt und stattdessen nach L\u00f6sungen sucht, die alle gleichberechtigt mitdenkt. Eine Welt, die Ver\u00e4nderung nicht als Bedrohung wahrnimmt. So sollte es sein. Eigentlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eigentlich. Das Wort \u00f6ffnet laut dem Soziologen Hartmut Rosa den Weg zu situationsgerechtem Handeln. Das Gegenteil ist seiner Ansicht nach das Vollziehen, das strikte Befolgen von Regeln, Gesetzen und Vorschriften, ohne Ber\u00fccksichtigung der entsprechenden Umst\u00e4nde. Vielleicht ist das der Schl\u00fcssel. Betrachten wir die Situation. In der Welt, der Gesellschaft, in unseren Familien und in uns selbst. Und fangen endlich an verantwortungsvoll zu handeln.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;wollte ich eine Fortsetzung zum meinem ersten Teil von &#8222;Kopfsalat&#8220; schreiben. Eigentlich. Aber ich kann gerade nicht, denn die Welt brennt. Eigentlich wollte ich mal so viel. In einer Welt leben, die der Vernunft noch nicht vollends gute Nacht gesagt hat. Schlaf gut, das Licht bleibt jetzt aus. Dich braucht niemand mehr. 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